OB bangt um die Zukunft der Ortschaft

Einmalig: In diesem Dorf gibt's kein Handynetz

+
Georg Fritzsche, Ortsbürgermeister von Eisenschmitt, ist über das Handynetz nicht erfreut.

Eisenschmitt - Während vielerorts über schnelles Internet und Breitbandausbau geredet wird, haben die Menschen im Eifelort Eisenschmitt nicht mal Handyempfang. Der Bürgermeister fürchtet um die Zukunft des Dorfes.

Es ist ganz egal, wo man in Eisenschmitt auf sein Handy schaut. Es zeigt immer nur eins an: „Kein Netz“. Auch wenn man es am langgestreckten Arm in die Höhe hält - es ändert nichts. „Der ganze Ort liegt im totalen Funkloch“, sagt Ortsbürgermeister Georg Fritzsche. Das sei ein Riesenproblem: „Ich bange um die Zukunft des Dorfes.“ Etliche Menschen seien inzwischen aus dem rheinland-pfälzischen Eifelort mit noch 320 Einwohnern weggezogen - gut 20 Häuser stünden leer. Junge Leute siedelten sich lieber auswärts an. „Das Handy gehört zum alltäglichen Leben dazu, darauf will doch keiner mehr verzichten“, sagt Fritzsche (62).

Vor allem: Viele Berufstätige müssten heute im Job mobil erreichbar sein. In Eisenschmitt sind sie es nicht. Was das bedeutet, weiß Daniela Weber. Sie führt dort mit ihrem Mann ein Unternehmen für Elektro, Heizung und Sanitär. „Wenn ich mich vom Haustelefon entferne, können mich die Kunden nicht mehr erreichen“, sagt die 46-Jährige. Auf den Anrufbeantworter spreche nicht jeder gerne, vor allem nicht, wenn er einen Notfall habe: „Wenn die Heizung nicht geht oder der Strom ausfällt, dann will der Kunde sofort jemanden sprechen.“

Dass der Ort im Tal der Salm vom Mobilfunknetz abgeschnitten sei, sei „geschäftsschädigend“ und „nicht mehr zeitgemäß“, sagt Weber. Das meint auch Michael Molitor, Chef des Hotels Molitors Mühle. Vor kurzem sei ein Kunde abgereist, ohne seinen Koffer überhaupt auszupacken, als er gemerkt habe, dass er keinen Handyempfang habe. Etliche Buchungen seien ihm schon entgangen, berichtet der 56-Jährige. Auch von Firmen, die Tagungen machen wollten.

Kein Wunder, dass auch ein Arzt, der nach Eisenschmitt ziehen wollte, einen Rückzieher gemacht hat. „Ohne Handy kann er hier nicht arbeiten“, sagt Fritzsche. Und kein Wunder, dass US-Amerikaner vom nahen Luftwaffenstützpunkt Spangdahlem nicht mehr ins Dorf ziehen - sie haben Bereitschaftsdienste, während denen man sie erreichen können muss.

Der Ortsbürgermeister kämpft seit Jahren dafür, dass Eisenschmitt ans Mobilfunknetz kommt - und die Bewohner nicht jedes Mal zwei Kilometer rausfahren müssen, wenn sie eine SMS empfangen wollen. Ohne Erfolg. „Wir haben alles versucht.“ Viele Gespräche seien schon geführt worden, mit der Verbandsgemeinde, dem Kreis, Vertretern des Landes. Und den drei Mobilfunkbetreiber, die in Deutschland infrage kommen. „Alle haben gesagt, dass es unrentabel für sie sei.“

Wie etwa die Telekom. „Wir kennen die Situation vor Ort“, teilt ein Sprecher in Bonn mit. Keine Mobilfunkstation der Telekom sei nah genug am Ort. Es gebe auch keine Planungen, weitere Kapazitäten oder neue Standorte aufzubauen. „Die Anzahl erreichbarer Kunden ist zu gering, der technische und wirtschaftliche Aufwand sehr groß. Ein Ausbau ist also unwirtschaftlich.“ Das gleiche gelte für Müllenborn in der Vulkaneifel. Diese Orte seien jedoch die Ausnahme, die Telekom habe deutschlandweit eine Abdeckung von 99,8 Prozent.

Dem Land Rheinland-Pfalz sind die Hände gebunden: „Wir haben leider keinen Einfluss auf die Ausbaupläne der Mobilfunkanbieter“, teilt das Mainzer Innenministerium mit. Jeder Netzbetreiber habe eigene Planungen und Prioritäten. Das rheinland-pfälzische Breitband-Kompetenzzentrum habe die Anbieter aber auf die schlechte Versorgung hingewiesen.

Mies versorgt ist Eisenschmitt auch in Sachen Internet. Derzeit kämpfen die meisten im Dorf noch mit einer Übertragungsrate von einem Megabit pro Sekunde (MBit/s). „Wenn mir jemand Bilder schickt, ist der komplette Rechner lahmgelegt“, sagt Geschäftsfrau Weber.

Beim Breitbandausbau zeichnet sich laut Ministerium allerdings eine Lösung ab. Eisenschmitt ist gerade in ein Förderprogramm des Landes für den Ausbau mit schnellem Internet gekommen. „Die Ausschreibung läuft“, sagt Fritzsche. Nach Angaben des Landes wird dann ein Breitbandzugang geschaffen, der mindestens 6 MBit/s für 95 Prozent der Haushalte möglich macht.

Bekommt hier ein Festnetzbetreiber den Zuschlag, ändere sich an der mobilen Sprachversorgung zunächst nichts, heißt es vom Ministerium. Wird der Breitbandausbau aber von einem Funkversorger gestemmt, könnte er auch den mobilen Sprachverkehr übernehmen. Das ist Fritzsches letzte Hoffnung: Dass sich mit dem Breitbandausbau ein Unternehmen findet, dass Eisenschmitt aus dem Tal der Handylosen holt. Bis dahin aber „fühlen wir uns irgendwie wie am Ende der Welt“.

dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.