Nach Terror von Paris

Facebook-Trauer heuchlerisch? Kalkofe platzt der Kragen

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Oliver Kalkofe trauert um die Opfer der Anschläge von Aris - und wird dafür kritisiert.

München - Viele Facebook-Nutzer drücken ihre Trauer um die Opfer der Anschläge in Paris mit speziellen Profilbildern aus - und müssen dafür nicht selten heftige Kritik einstecken. Ist die gerechtfertigt? 

Blau, Weiß, Rot: Die französische Nationalflagge weht derzeit überall auf Facebook. Das soziale Netzwerk hat ein spezielles Feature eingerichtet, mit dem jeder Nutzer als Zeichen der Anteilnahme für die schrecklichen Geschehnisse am 13.11. in Paris die Trikolore über sein reguläres Profilbild legen kann. Andere haben zu diesem Zweck ihr Profilbild ausgetauscht, etwa mit einem Eiffelturm als Peace-Symbol. Nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar wird Facebook so erneut zum halböffentlichen Kondolenzbuch, nur dass der Slogan diesmal nicht "Je suis Charlie" heißt, sondern zum Beispiel "Pray for Paris".

Doch diese Form der öffentlichen Trauer stört viele. Darauf, dass es derzeit nicht so leicht ist, seine Facebook-Freunde auseinanderzuhalten, weil deren Avatare hinter den drei Farben verschwinden, spielt etwa dieses Meme von einem verwirrt dreinblickenden Homer Simpson an.

Andere bemängeln, dass man mit der Trikolore auf seinem Profilbild nicht nur Solidarität mit den Opfern bekundet, sondern auch die Politik des Landes gutheißt, die nach den letzten Wahlen einen massiven Rechtsruck erfahren hat und die auf die Terror-Anschläge des Islamischen Staates mit der Bombardierung der Dschihadisten in Syrien reagiert.

Vor allem aber empfinden es die Mahner wahlweise als naiv oder geheuchelt, wenn Europäer der Toten von Paris gedenken, aber den vielen anderen Opfern brutaler Gräueltaten weltweit nicht. "Wer betet für die Palästinenser, die sich seit 67 Jahren im Krieg befinden?", fragen sie etwa mit diesem Meme.

Auch die letzten Terror-Akte etwa in Bagdad und Beirut haben tatsächlich bei weitem nicht diese Welle des Mitgefühls auf Facebook und Co. losgetreten. Erst, wenn die Gewalt vor unserer Haustür stattfindet, werden wir wachgerüttelt, argumentieren die vermeintlich moralisch Überlegenen.

Ein anderer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass früher oder später die digitalen Beileids-Bekundungen verschwinden werden - und damit womöglich auch die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse, befürchten die Mahner, die bei der Gelegenheit gerne noch darauf hinweisen, dass so eine gut gemeinte Geste ja am eigentlichen Problem eh nichts ändert.

Oliver Kalkofe: Wutausbruch wegen Trauer-Kritikern auf Facebook

Besonders kniffelig ist es, wenn nicht irgendwer, sondern ein Promi in den sozialen Netzwerken des Paris-Terrors gedenkt. "Du willst dich doch nur wichtig machen", lautet der Kern der Kritik dann meist. Das musste auch Oliver Kalkofe vielfach in den Kommentaren seiner Facebook-Seite lesen.

Deutschlands bekanntester TV-Kritiker traf eine "Antipathie-Welle", die ihn "traurig und fassungslos" machte. Und er schlug auf dem selben Medium gewohnt wortgewaltig zurück: "Sollte nicht jeder bei einem traurigen Ereignis einfach seine Anteilnahme zeigen dürfen, egal auf welche Art, ohne dafür beschimpft zu werden?", fragte er. "Und selbst wenn irgendjemand gerade die gewählte Form nicht als die perfekte Art der Gefühlsbekundung empfindet: Kann man sich in diesem Fall einfach mal still darüber ärgern? Gebührt den Opfern nicht zumindest der Respekt gezollt, dass die Hinterbliebenen sich nicht mit Fremden und Passanten lautstark während der Beisetzung über die Ausstattung der Beerdigung streiten müssen? Woher kommt so viel Wut und Hass, selbst bei einem Ereignis wie diesem nicht seine Gefühle einfach auf seine persönliche Art zu bekunden, ohne anderen ihre streitig zu machen oder sich über diese zu beschweren?"

"Prügeln für den Frieden - Hauptsache umsonst"

Sein Wutausbruch endet mit diesen eindrucksvollen nachdenklichen Worten:

"Dass selbst wenige Worte der Anteilnahme zu einem unverständlichen Gewaltakt derart viel verbale Gewalt hervorrufen können, von Menschen die sich selbst als zivilisiert und intelligent bezeichnen. Was schlummert da an unterdrücktem Hass und blinder Wut vor all den vielen Tastaturen? Scheinbar kommt es gar nicht auf den Grund an: Wenn sich die Möglichkeit für einen kleinen Streit gibt, wird einfach gern zugegriffen. Prügeln für den Frieden - Hauptsache umsonst. Die Wut muss ja irgendwie raus und stilles Nachdenken macht Kopfweh.

Wahrscheinlich sind wir Menschen einfach so. Und das macht mir Angst."

#JeSuisParis #Hassbrause #Wutspirale Was wirklich traurig ist: dass nach furchtbaren Ereignissen wie denen in Paris...

Posted by Oliver Kalkofe on Montag, 16. November 2015

Der Beitrag des 50-Jährigen sprach vielen offenbar aus der Seele: Er wurde in zwei Tagen bereits über 38.000-Mal geliket und über 8000-Mal geteilt. Er werde aber auch künftig seine Meinung äußern, wenn er das für nötig halte, sagte der Satiriker der dpa.

Den Ticker zum Terror in Paris finden Sie hier.

Haakon Nogge

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