Wissenschaftlerin gibt Entwarnung

"Generation Kopf unten": Einsam durch Smartphones?

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Immer den Kopf gesenkt und den Blick aufs Smartphone gerichtet: Manche sprechen von der "Generation Kopf unten".

München - Der Videoclip „Look up“ hat im Netz eine Debatte über die „Generation Kopf unten“ ausgelöst. Der ständige Blick aufs Smartphone - führt er zur allgemeinen Vereinsamung?

Schon fast 30 Millionen Internetnutzer haben ein Video angeklickt, das vor Vereinsamung durch den ständigen Blick auf Smartphone, Tablet und PC warnt. Ulrike Wagner, die Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München, sieht die Sache lockerer.

Wie finden Sie das Video?

Ulrike Wagner ist Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München.

Ulrike Wagner: Es ist ein sehr professionell gemachtes Video, das auf Emotion pur setzt, Alltagssituationen geschickt inszeniert und dadurch seine Wirkung entfaltet. Gleichzeitig wird in einem sehr schlichten Entweder-Oder argumentiert: Direkte soziale Kontakte sind den medialen vorzuziehen und früher ist alles besser gewesen.

Ganz offenbar trifft das Video aber doch einen Nerv bei sehr vielen Leuten.

Wagner: Die Tatsache, dass dieses Video viele Millionen Klicks bekommt, beweist die Qualitäten des Produzenten. Er versteht es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dabei bedient er sich sehr geschickt der Mechanismen, die er selbst kritisiert: die ständige Verfügbarkeit digitaler Kommunikationskanäle.

Ist es denn wirklich so wie hier geschildert? Verkümmern die direkten Kontakte, weil alle nur noch virtuell kommunizieren?

Wagner: Man kann eine lange Liste mit Gegenargumenten dazu anlegen: Es ist einfacher, seine Verabredungen zu organisieren; man kann alte Freundschaften pflegen, auch wenn man an unterschiedlichen Orten lebt. Und auch familiäre Kontakte auf Distanz werden erleichtert über Smartphone, Skype oder ähnliche Kommunikationskanäle. Etc., etc. ...

Sie sind also nicht überzeugt?

Wagner: Ein schlichtes „Früher-war-alles-besser“ verklärt den Blick und lässt außer Acht, welche Potenziale diese neuen Medien mit sich bringen. Das wird deutlich in der Verfügbarkeit von Informationen über Repression und Machtausübung in weniger demokratischen Staaten.

Ist dieses Phänomen denn wirklich neu? In den 70er Jahren hat man zum Beispiel oft gehört: „Die Kinder hängen nur noch vor der Glotze, spielen gar nicht mehr mit den anderen draußen.“

Wagner: Die Beispiele der „schlechten Medien“ kann man noch weiter zurückverfolgen. So waren auch Bücher nicht zu jeder Zeit ein Bildungsgut, sondern oft auch umstritten. Die Debatten über Medien sind zumeist ein Aushandlungsprozess zwischen den Jüngeren und den Älteren. Bei Eltern überwiegt häufig die Sorge über ein Zuviel an Medien, da sie mit den neuen Medien weniger anfangen können.

Also nichts Neues unter der Sonne?

Wagner: Ein Aspekt wäre mir schon noch sehr wichtig: Für den Chef jederzeit erreichbar zu sein, ist heute für viele ein Muss und auf Dienstreisen online zu arbeiten eine Selbstverständlichkeit. Es prägen also auch wirtschaftliche Zwänge unsere sozialen Beziehungen, und das halte ich für entscheidend. Wir müssen alle lernen, diese digitalen Kommunikationsangebote in unser Leben so zu integrieren, dass sie es bereichern und damit auch das soziale Miteinander befördern und nicht isolieren.

ZUR PERSON: Die gebürtige Salzburgerin Dr. Ulrike Wagner (42) ist seit 2010 Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München. Ihr Fachgebiet ist der mediale Wandel aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Die Kommunikationswissenschaftlerin beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Heranwachsende an einer immer stärker von digitalen Medien geprägten Gesellschaft teilhaben können.

dpa

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