An „Street View“ entzündet sich Datenschutz-Debatte

Berlin. Der Internet-Konzern Google steht schon seit geraumer Zeit verstärkt im Visier von Datenschützern. Doch kaum ein Dienst des Suchmaschinen-Spezialisten hat je die Gemüter so erhitzt wie das für dieses Jahr auch in Deutschland geplante „Street View“.

Dabei sollte der von Google-Mitgründer Larry Page erfundene Dienst die Internet-Nutzer nur mit einer nie zuvor gekannten lokalen Suche begeistern.

Kritik hagelt es für den Suchmaschinen-Anbieter seit Wochen vor allem von der Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Sie wirft Google „millionenfache Verletzung der Privatsphäre“ vor. Das amerikanische Unternehmen sammle Informationen schlimmer als jeder Geheimdienst.

Google wies die Kritik bei der Vorstellung des Konzepts für Deutschland am Dienstag erneut zurück. „Wir nehmen den Datenschutz sehr ernst“, sagte Raphael Leiteritz, bei Google zuständig für die Kartendienste in Europa. Und man sei den weitreichenden Forderungen der deutschen Datenschützer nachgekommen.

Am Dienstag legte Aigner allerdings noch einmal nach und forderte, „Street View“ engere gesetzliche Grenzen zu setzen. Seit anderthalb Jahren sind Mitarbeiter von Google auch in Deutschland unterwegs und nehmen mit 360-Grad-Kameras, die auf Autos oder auch Zweirädern montiert sind, die Straßenansichten und öffentlichen Plätze auf. Mit fotorealistischen, dreidimensionalen Darstellungen sollen traditionelle Kartendienste im Internet der Vergangenheit angehören. Mit zusätzlichen Informationen etwa über Restaurants oder Einkaufsmöglichkeiten angereichert erhoffen sich auch viele Unternehmen von dem neuen Dienst ein großes Potenzial und eine ganz neue Art von Service.

In der Schweiz habe der Tourismusverband sowie das dort größte Immobilienunternehmen die seit kurzem verfügbaren „Street View“-Ansichten bereits auf ihre Internet-Seiten eingebunden, sagte Leiteriz. „Es geht uns nicht um die Menschen, es geht uns um die Plätze“, sagte Leiteritz.

Bereits heute sei Google Maps mit vier Millionen Nutzern täglich einer der populärsten Karten-Dienste im Netz. Und mit dem mit Abstand größten Teil ihrer Anfragen bei Google suchten die Nutzer nach lokalen Orten, nach Restaurants, Cafés oder anderen öffentlichen Sehenswürdigkeiten.

Geo-Dienste würden für die deutsche Wirtschaft immer wichtiger und seien aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken, sagte Udo Stichling, Präsident des Deutschen Dachverbands für Geoinformationen e.V.. Google „Street View“ ist bereits für 19 Länder verfügbar, in diesem Jahr will Google auch in Deutschland starten. Das Fotomaterial sei bereits vollständig, man warte nur darauf, dass die strittigen Fragen nun geklärt werden, hieß es.

Nach den jüngsten Forderungen von Aigner sollen bei „Street View“ nun aber neben den Personen und Fahrzeugen auch die Fassaden der Häuser unkenntlich gemacht werden. Ob dann ein virtuelle Spaziergang durch die Straßen für die Nutzer noch attraktiv ist, könnte zweifelhaft sein.

Ob Häuserfassaden überhaupt zu den schützenswürdigen personenbezogenen Daten zu rechnen sind oder nicht, darin sind sich auch die Experten nicht einig. Eine stärkere Unkenntlichmachung als bisher hält Nikolaus Forgó, Leiter des Instituts für Rechtsinformatik der Leibniz Universität Hannover, nicht für erforderlich.

Forgó bezweifelt, ob „Street View“ überhaupt personenbezogene Daten abbildet, da die Personen und Fahrzeuge auf den Straßendarstellungen nur „Beiwerk“ seien. Die hitzige Debatte über „Street View“ geht derzeit aber möglicherweise auch in eine längst überfällige Diskussion über.

Selbst Experten dürften zuweilen überfordert sein bei der Einschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten von Datenmissbrauch in einer digitalen Gesellschaft mit ihrer schier unüberschaubaren Menge an gesammelten Daten aller Art. Auch die wachsende Popularität von sozialen Netzwerken und die Bereitschaft der Nutzer, persönliche Daten über sich ins Netz zu stellen, lässt die Datenmengen im Netz täglich anwachsen. 

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Von Renate Grimming, dpa

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