Nach Facebook-Skandal

Experte: Facebook-Studie "nur Spitze des Eisbergs"

Mark Zuckerberg
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Mark Zuckerberg bei der Vorstellung einer App. Facebook machte seine Nutzer zu Versuchskaninchen.

München/Menlo Park - Facebook experimentierte über Jahre mit den Gefühlen seiner Nutzer. Kommunikations-Experte Christoph Neuberger verrät, warum wir das Portal trotzdem nicht verlassen.

Christoph Neuberger, Professor am LMU-Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung

Über Jahre manipulierte Facebook gezielt den Newsfeed von rund 700.000 Nutzern. Einige Facebook-Nutzer bekamen durchwegs positive Nachrichten, andere negative. Facebook und ein Forschungsinstitut untersuchten, wie die Nutzer darauf reagierten. Die Reaktionen der Nutzer im Netz, vor allem bei Twitter, reichen von Resignation bis Angst.

Unsere Online-Redaktion hat mit dem Kommunikationsexperten Christoph Neuberger gesprochen. Der Professor lehrt seit 2011 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung  an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er verrät, warum er den Skandal nur für die Spitze des Eisbergs hält, und warum wir trotzdem bei Facebook bleiben.

Herr Neuberger, Sie sind selbst Wissenschaftler und beschäftigen sich mit Sozialen Medien. Ist das, was Facebook mit seinen Nutzern gemacht hat, noch ethisch vertretbar?

Neuberger: Man hätte die Nutzer in jedem Fall darauf aufmerksam machen müssen, dass sie Teil eines Feldexperiments sind. So ist das ein ganz heikler Bereich und ethisch fragwürdig. Bei uns wäre das ein absolutes No-Go. Und ich glaube, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist. Da gibt es sicher starke Bemühungen, Facebook noch benutzerfreundlicher zu machen und die Werbung effizienter zu platzieren. Ich glaube, dass da viel mehr in diese Richtung gemacht wird.

Sie glauben also, es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall. Facebook experimentiert andauernd mit uns, ohne unser Wissen?

Neuberger: Dieses Experiment ist wahrscheinlich nur herausgekommen, weil hier ein wissenschaftliches Institut beteiligt war, das seine Ergebnisse publiziert hat. Das ist natürlich nur eine Vermutung von mir. Durchschauen kann die Auswahl im Newsfeed keiner. 

Wie genau funktioniert das Newsfeed von Facebook?

Neuberger: Newsfeed ist die Auswahl an persönlichen Nachrichten die bei Facebook auf der eigenen Startseite einläuft. Die große Frage ist...

...wie werden diese Nachrichten ausgewählt? 

Neuberger: Genau. Facebook suggeriert, es handele sich um sämtliche Nachrichten, die unsere Freunde posten. Gerade wenn man eine gewisse Anzahl an Freunden hat, wird da aber stark gefiltert. Die Kriterien kennen wir nicht.

Das Filtern übernehmen Computerprogramme, Algorithmen?   

Neuberger:  Ja, aber dahinter stehen Programmierer. Und die haben schon ein Gefühl dafür, was sie machen. Wir nehmen ja an, dass Facebook uns übers Newsfeed zum Beispiel die Posts der Freunde schickt, mit denen wir sowieso viel Kontakt haben, für die wir uns interessieren. Die Nachrichten werden also nach unseren Präferenzen ausgesucht. 

Spätestens nach dem Experiment wissen wir, dass das nicht zwingend der Fall ist. Dass die Newsfeeds gezielt gesteuert werden können, um uns zu manipulieren. Wohin führt das?

Neuberger: Man kann das natürlich auf die Spitze treiben. Vielleicht kennen Sie den Begriff der Filter Bubble.

Zu deutsch: Filterblase. Eine Art Informationsblase, in der wir leben?

Neuberger:  Information wird gefiltert, das muss sie sogar. Journalisten filtern andauernd. Nur ist das dann transparent. Der Leser weiß, dass er hier einen Text bekommt, hinter dem ein Autor steht. Im Netz ist das nicht transparent. Stichwort Suchanfragen bei Google. Die sind personalisiert. Ihnen wird suggeriert, dass alle dieselben Ergebnisse auf Suchanfragen bekommen. Das ist aber nicht der Fall. Auch hier sind die Ergebnisse gefiltert.

Google wählt also die passenden Informationen für jeden Einzelnen aus?

Neuberger:  Das ist die Blase. Wir erhalten nur die Infos, die Google und Facebook als für uns geeignet ansehen. Das könnte langfristig dazu führen, dass wir ein falsches Weltbild bekommen, wie gesagt, sehr zugespitzt formuliert.

Warum verlassen wir dann Facebook nicht einfach?

Neuberger:  Facebook hat ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt keine andere Plattform mit einer derartigen Verbreitung mehr. Die Leute hauen nicht so einfach ab. Sie haben viel Zeit in ihren Account investiert. Fotos hochgeladen, Freunde gefunden, das wollen sie nicht so einfach aufgeben. Und das nutzt Facebook schamlos aus.

Trotz aller ethischen Bedenken, klingen die Ergebnisse der Facebook-Studie doch recht interessant. Zu beobachten, wie sich Gefühle in Facebook verbreiten, wie sie übertragen werden können. Werden Sie die Ergebnisse nutzen?

Neuberger: Da haben Sie mich jetzt erwischt. Die Fragestellung als solche ist natürlich höchst spannend. Wenn, dann würde ich zumindest in einer Fußnote darauf hinweisen, dass die Form der Recherche nicht angemessen und ethisch fragwürdig war.

Herr Neuberger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Klaus-Maria Mehr

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