Falsche Namen und geschönte Einträge

15 Jahre Wikipedia: Die schlimmsten Pannen

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Zum 15. Geburtstag nehmen wir Wikipedia unter die Lupe.

Berlin - Vor 15 Jahren ging Wikipedia online, heute gibt es 37 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen, geschrieben von Freiwilligen. Doch auch bei der Web-Enzyklopädie kommt es immer wieder zu Pannen.

FALSCHER VERWANDTER: Mit einem frisierten Wikipedia-Eintrag gelangte ein Fan 2015 in den Backstage-Bereich der australischen Band Peking Duk. David Spango gab sich vor der Security als Verwandter des Elektro-Duos aus. Als diese einen Nachweis verlangten, zückte er Ausweis und Smartphone mit dem Wikipedia-Eintrag zur Band, den er zuvor um die Worte „Family David Spango“ ergänzt hatte - und überraschte die Musiker. Diese nahmen es mit Humor: Das sei der „genialste Schachzug“, den sie je beobachtet hätten.

FALSCHER GUTTENBERG: Freiherr zu Guttenberg, einst Verteidigungsminister, hat viele Vornamen. Wilhelm gehört nicht dazu. Als der CSU-Politiker im Februar 2009 Wirtschaftsminister wurde, mogelte ein anonymer Scherzbold in dessen Wikipedia-Biografie neben den zahlreichen anderen Namen auch Wilhelm rein. Der Fehler stand zwar nicht lange auf der Seite, zahlreiche Medien übernahmen ihn aber aus dem Online-Lexikon.

FALSCHE MERKEL: Apple hat seine Sprachassistentin Siri darauf getrimmt, Fragen von Nutzern unter anderem mit Hilfe der Wikipedia zu beantworten - bei Bundeskanzlerin Angela Merkel lieferte das Online-Lexikon im September 2015 kurzzeitig eine höchst ungewöhnliche Antwort. Auf die Frage „Wer ist Angela Merkel?“ bot die deutsche Siri-Version statt des aktuellen Artikels im Online-Lexikon einige Stunden eine Fassung, in der die Politikerin unter anderem als „Lügnerin und Sklavin der USA“ verunglimpft wurde.

FALSCHE RELEVANZ: Die Pflege von Wikipedia-Einträgen gegen Geld - das war das Geschäftsmodell einer Bande, die 2015 aufflog. Teilweise erpresste die Gruppe sogar Geld von Personen und Unternehmen für den „Schutz“ der Einträge. 210 Artikel löschte Wikipedia nach Entdeckung des Netzwerks „Orangemoody“, 381 Nutzer wurden gesperrt. Die Opfer der Kriminellen: Selbstdarsteller, die eigentlich zu unwichtig waren für einen Artikel im Online-Lexikon.

FALSCHE POLITIK-PR: Die Parteizentralen messen Wikipedia große Bedeutung zu - und legen manchmal selbst Hand an. 2007 wurde von einem Rechner der hessischen CDU-Zentrale aus der Eintrag über den grünen Landespolitiker Tarek Al-Wazir bearbeitet. Die Union verwies auf einen Praktikanten. Ein Jahr später versuchte ein unbekannter Autor, die US-Politikerin Sarah Palin in besseres Licht zu rücken. Die Seite wurde zwischenzeitlich für Bearbeitungen gesperrt. Auch der Eintrag zum CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers im 2005 geführten Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen soll geschönt worden sein.

FALSCHE VERDÄCHTIGUNGEN: Der amerikanische Journalist John Seigenthaler stellte im September 2005 schockiert fest, dass ihm in Wikipedia eine Verwicklung in die Morde an John F. Kennedy und dessen Bruder Bobby unterstellt wurde. Die Behauptung stand monatelang online. Der Fall führte zu heftigen Kontroversen, wie das Lexikon zuverlässiger werden kann.

Freies Wissen für die Welt: Quo vadis, Wikipedia?

Die schweren Nachschlagewerke wirken fast wie aus einer anderen Zeit. Der große Brockhaus, die Encyclopædia Britannica und viele weitere. Dutzendfach stehen die dicken Bände in dem Regal im Berliner Deutschland-Büro von Wikimedia, dem Verein hinter Wikipedia. Ausgerechnet dort. Schließlich ist die Online-Enzyklopädie nicht unbeteiligt daran, dass traditionelle Lexika heute kaum mehr eine Rolle spielen. Deren Niedergang kam schnell, fast so schnell wie der Siegeszug von Wikipedia. Doch das digitale Nachschlagewerk steht 15 Jahre nach seiner Gründung auch vor Herausforderungen.

Rückblick: Am 15. Januar 2001 rief der US-Amerikaner Jimmy Wales gemeinsam mit dem Programmierer Larry Sanger Wikipedia als Folgeprojekt ihres Online-Lexikons Nupedia ins Leben. Die Vision lautete damals wie heute ganz unbescheiden: das gesammelte Wissen der Menschheit jedem frei zugänglich machen. Die Besonderheit war die Wiki-Software: Ein frei verfügbares System, mit dem jeder Nutzer ganz einfach Websites anlegen und bearbeiten kann.

Einen Monat später standen 600 Artikel online, nach einem Jahr waren es schon 20.000 - zur Überraschung der Gründer. Die hatten sich aber überworfen, und Sanger zog sich aus dem Projekt zurück. Inzwischen gibt es mehr als 37 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen, verfasst von unzähligen Freiwilligen. Kurz nach der englischen Version, im März 2001, ging auch die deutschsprachige Wikipedia an den Start. Allein sie wird eine Milliarde Mal im Monat aufgerufen.

Die Deutschen lieben Wikipedia

Mit rund 1,9 Millionen Artikeln steht sie auf Platz drei - nach der englischen und der schwedischen Ausgabe. „Wir waren schon immer sehr stark in Deutschland“, sagt Gründer Wales im Interview mit der dpa. Die Deutschen hätten traditionell ein Interesse an Enzyklopädien. Zudem seien das freiwillige Engagement und der Wille, Gutes zu leisten, in Deutschland besonders ausgeprägt.

Und wie finanziert sich das Ganze? Nach wie vor kommt Wikipedia ganz ohne Werbung aus, was laut Wales auch so bleiben soll. Die Plattform trägt sich alleine durch Spenden - und das ziemlich gut. Bei der jüngsten Spendenaktion der Wikimedia Deutschland kamen Ende vergangenen Jahres 8,6 Millionen Euro zusammen.

Das sind die Probleme von Wikipedia

So gut sich die Zahlen lesen, auch bei der Wikipedia kommt es immer wieder zu Problemen, die zum Teil nichts von ihrer Aktualität verlieren. Eine sinkende Zahl der Schreiber, eine überholte Technik, ein harscher Ton in der Community oder der niedrige Frauenanteil, der laut Wales noch immer bei gerade 16 Prozent liegt, sind einige Beispiele.

„Wir wollen wieder mehr Autoren gewinnen und den Leuten zeigen, dass Wikipedia nicht nur was zum Lesen und Konsumieren, sondern auch zum Mitmachen ist“, sagt Christian Rickerts, Geschäftsführender Vorstand der Wikimedia Deutschland. Allerdings sei auch klar: Die Artikel zu vielen relevanten Themen seien bereits verfasst worden. „Es ist schwieriger geworden, die weißen Flecken auszumalen.“

„Der Pioniergeist der Anfangszeit ist verschwunden“, meint Martin Haase, der selbst mehrere Jahre als Autor auf Wikipedia aktiv war. Der Romanistikprofessor der Universität Bamberg veröffentlichte darüber hinaus mehrere wissenschaftliche Arbeiten über die Online-Enzyklopädie. Ihre Qualität sei ziemlich gut. „Es hängt natürlich vom Thema und den Beiträgen ab. Aber da meist viele Augen auf die Artikel schauen, gerade bei strittigen Fragen, kann man schon von einer hohen Verlässlichkeit ausgehen.“ Dass die Wikipedia-Idee ganz gut funktioniere, zeige sich ja in den enormen Nutzerzahlen.

Die renommierten Lexika hat Wikipedia längst hinter sich gelassen. Nach 244 Jahren gab der Verlag der Britannica 2012 bekannt, dass die Enzyklopädie nur noch digital erscheint. Zwei Jahre später zog der Brockhaus - der hierzulande 200 Jahre lang das Maß aller Nachschlagewerke war - nach. Wales sieht das recht unemotional: „Die Welt ändert sich, und die Technologie schreitet voran.“ Gleichzeitig hob er bereits vor einigen Jahren im dpa-Interview seine traditionellen Ansichten in Sachen Bildung hervor: „Wer sagt: „Du musst heutzutage nichts mehr wissen, Du musst nur wissen, wo Du es nachschlägst“, hat meiner Meinung nach etwas missverstanden.“

Wikipedia soll globaler werden

Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich Wikipedia fortlaufend der sprunghaften Entwicklung der Technik anpassen. „Das zählt zu unseren größten Aufgaben“, sagt Wales. Derzeit gehe es vor allem um die wachsende mobile Nutzung. Eine Herzensangelegenheit des 49-Jährigen ist es, Wikipedia globaler zu machen. Kritiker bemängeln eine Einseitigkeit, da die meisten Artikel in der westlichen Welt verfasst würden.

Dank der besseren technischen Ausstattung könnten sich jetzt immer mehr Menschen in der Dritten Welt vernetzen, sagt Wales. „Wir sind in einer Phase, in der die Zahl der Internetnutzer in Entwicklungsländern explodiert, womit die Nutzung von Wikipedia und die Mitwirkung in den jeweiligen Sprachen explodiert.“ Das sei spannend und aufregend, da das „auf lange Sicht deutliche Auswirkungen auf Wikipedia haben wird“.

Niemals fertig: Wikipedia wird 15

dpa

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