Über 70.000 Anträge

Google: Journalisten kritisieren Link-Löschungen

Berlin - Von ihrem neu geschaffenen "Recht auf Vergessen" machen die Europäer kräftig Gebrauch. Doch das Verfahren ruft auch heftige Kritik hervor. Medienvertreter sehen die Pressefreiheit in Gefahr.

Google hat europaweit mehr als 70.000 Anträge auf die Entfernung von Links aus seinen Suchergebnissen erhalten. Insgesamt wollen Bürger mehr als 267.000 Links streichen lassen, teilte Google am Donnerstag mit. Aus Deutschland kämen mehr als 12.000 Anträge.

Das Verfahren sei für Google noch "neu" und entwickle sich stetig weiter, betonte eine Sprecherin. Google begann vor einer Woche mit dem Entfernen von Links. Wie vielen Anträgen bereits stattgegeben wurde, konnte ein Sprecher am Donnerstag nicht sagen.

"Guardian": "Kampfansage für Pressefreheit"

Bei mehreren Medienunternehmen stieß die Entfernung erster Links auf Kritik. Der BBC-Wirtschaftsredakteur Robert Peston erklärte, er sei darüber informiert worden, dass ein von ihm im Jahr 2007 veröffentlichter Text über den früheren Chef der Investmentbank Merrill Lynch, Stan O'Neal, bei Google-Suchen in Europa nicht mehr zu finden sei. "Dieses Beispiel meines Journalismus'" habe Google damit "getötet", beschwerte er sich.

Die britische Zeitung "Guardian" teilte mit, über die Löschung von sechs Links zu ihren Geschichten aus den Google-Suchergebnissen informiert worden zu sein. Drei davon hätten von der Kontroverse um einen umstrittenen schottischen Schiedsrichter aus der Premier League gehandelt. Google habe der Zeitung die Löschung nicht begründet und ihr auch keine Möglichkeit gegeben, gegen das Vorgehen Einspruch zu erheben. Das Vorgehen sei eine "Kampfansage" für die Pressefreiheit, erklärte der "Guardian".

"Mail": "Recht auf Vergessen ist Unsinn"

Auch die weltweit größte Nachrichtenseite "Mail Online" erklärte, bei ihr seien Links zu Berichten über den umstrittenen Schiedsrichter aus der Google-Suche genommen worden. Nicht mehr über die Suchmaschine zu finden seien zudem eine Geschichte über ein Paar, das Sex in einem Zug hatte, und einen Muslim, der einer Fluggesellschaft vorgeworfen hatte, ihn wegen seines Namens nicht beschäftigt zu haben. "Diese Beispiele zeigen, was für ein Unsinn das 'Recht auf Vergessen' ist", sagte Herausgeber Martin Clarke von "Mail Online". Das sei so, als würde jemand in Bibliotheken gehen und unliebsame Bücher verbrennen.

Clarke kündigte an, eine Liste mit den Artikeln zu veröffentlichen, die aus den europäischen Suchergebnissen von Google herausgenommen wurden. Die BBC und "The Guardian" veröffentlichten bereits Links zu den monierten Geschichten.

Umstrittenes Urteil

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte den Weg für die Löschgesuche frei gemacht. Er entschied Mitte Mai, dass Europas Bürger von Suchmaschinen wie Google verlangen können, Links zu unangenehmen Dingen aus ihrer Vergangenheit aus den Suchergebnissen verschwinden zu lassen. Google müsse die Links aus seiner Ergebnisliste entfernen, wenn die Informationen das Recht auf Privatsphäre der Betroffenen verletzen.

Das trat eine Welle von Löschanträgen los, die nun von Google bearbeitet werden. Dabei geht es nur um die Ergebnisse, die bei der Suche nach Personen angezeigt werden.

dpa/afp

Rubriklistenbild: © dpa

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