Rufmord im Internet – wer hilft?

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Rufmord im Internet: Heute kann jedermann Behauptungen über andere Menschen veröffentlichen.

München - Mit wenigen Klicks kann heute jedermann im Internet Rufschädigung betreiben. Schon sprießen neue Dienste aus dem Boden: Netzausputzer, die das Web-Image polieren.

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„Kaum Kontrolle über Netz-Inhalte“

Jedes Mal, wenn Marianne B. (Name von der Redaktion geändert) ihren Namen in das Eingabefeld der Suchmaschine Google eintippt, ist das beklemmende Gefühl wieder da. Sie klickt dann hektisch durch Webseiten, getrieben von der Unruhe, sich wieder öffentlich gedemütigt zu sehen.

Seit August 2007 weiß die Lehrerin, dass sie ihr digitales Abbild im Internet nicht immer unter Kontrolle hat. Damals war ihr Freund auf Sexbilder von ihr auf einer Blog-Seite gestoßen. Fassungslos betrachtete die heute 30-Jährige die Bilder, darunter standen ihr voller Name – und obszöne Kommentare von Internet- Nutzern. Sie war damals als Langstreckenläuferin sehr erfolgreich, eine Lokalzeitung stellte Fotos ins Netz, die sie auf dem Siegerpodest zeigten. Offensichtlich hatte jemand die Fotos heruntergeladen, ihr Gesicht ausgeschnitten und auf Pornobilder montiert.

Spätestens seit das Netz unter dem Schlagwort „Web 2.0“ globales Mitmach-Medium geworden ist, kann jedermann Behauptungen über andere Menschen veröffentlichen – anonym, für jedermann sichtbar und im Grunde für immer gespeichert. Denn das Internet vergisst nichts. Es speichert und speichert. Was einmal eingespeist wurde, bleibt. Es herrscht letztlich radikale Transparenz.

„Es ist kaum zu verhindern, dass andere intime Informationen ins Netz stellen“, sagt der Münchner Kommunikationsberater Klaus Eck. Man müsse jederzeit damit rechnen, dass das persönliche Ansehen von Dritten bestimmt wird. Anonyme User können in Foren, sozialen Netzwerken und auf Bewertungsplattformen alles und jeden anschwärzen. Schlimmstenfalls betreibt ein findiger Datensammler böswillige Rufschädigung wie bei Marianne B.. Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatte, erkannte  die Lehrerin, was Kommunikationsberater seit Jahren predigen: Man muss selbst aktiv werden, sollte sein Web-Abbild nicht dem Zufall überlassen.

Ratgeber: So schützen Sie sich im Internet

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Erste Lektion: sich regelmäßig selbst googeln. Das tat Marianne B. denn auch, nachdem sie mit Hilfe der Polizei die Löschung der montierten Pornobilder erreicht hatte. Im August 2008 fiel sie dann vor Schreck fast vom Stuhl, als der erste Treffer bei der Google-Suche sie erneut zu Nacktbildern mit ihrem Konterfei führte. Sie geriet in Panik. Die Bilder mussten raus, so schnell wie möglich.

Marianne B. wandte sich an „Dein Guter Ruf“, eine jener Firmen, die sich als Rufretter für Internetopfer steigender Nachfrage erfreuen. Es sind Firmen, die versprechen, das digitale Zerrbild wieder gerade zurücken. Sie helfen beim „Reputationsmanagement“, beim Polieren des guten Rufs im Netz. Experten sagen, das sei bereits ebenso wichtig, wie sich um den Leumund im realen Leben zu sorgen. Denn den ersten Eindruck holt man sich heute oft per Mausklick – und der erste Eindruck zählt.

„Wir haben enormen Zuwachs“, sagt Susanne Wilberg von „Dein guter Ruf“. Es gebe ein neues Bewusstsein, die Kontrolle über die Web-Präsenz zu erlangen und zu behalten. Unter ihren Kunden sind nicht wenige, die selbst intime Details unbedarft im Web ausbreiteten – und jetzt feststellen, dass ihr Privatleben von Hinz und Kunz verbreitet werden kann. Die 18-jährige Klara etwa, die mit 14 Jahren erotische Fotos von sich in einem Forum hochlud, was ihr jetzt ziemlich peinlich ist, da Job- Bewerbungen anstehen.

Nach einer Studie des Dimap-Instituts suchen Personalchefs systematisch nach Daten von Bewerbern im Internet. Sie finden Meinungsäußerungen in Forenbeiträgen und private Vorlieben auf Profilseiten und sozialen Netzwerken wie Lokalisten oder StudiVZ. Wilberg weiß von einer Frau, deren Bewerbung scheiterte, weil sie vor Jahren in einem Forum kundgetan hatte, dass sie schwanger werden will. Sie hatte das längst vergessen. Das Netz nicht.

Profi-Netzausputzer basteln am guten Ruf im Internet

Erste Lektion beim Internetschutz: sich regelmäßig selbst googeln.

Hilfe versprechen die Profi- Netzausputzer. Es gilt, die leidigen Inhalte aus dem Internet- Gedächtnis zu löschen. „Wir haben eine Erfolgsquote von 80 bis 90 Prozent“, sagt Wilberg. Allerdings lässt sich der digitale Makel nicht ohne Mühe abwaschen. Zunächst muss der Betreiber der Webseite ermittelt werden, wofür es mitunter „detektivisches Gespür“ braucht, so Wilberg. Dann wird argumentiert und überzeugt. „Man braucht eine gute Begründung“, sagt Susanne Krian vom Dienstleister „MyImageControl“. Krian und Wilberg haben gute Kontakte zu Portalen wie MySpace oder Facebook sowie zu Foren- und Netzwerkbetreibern. Meist lassen sich die erweichen, Schmähungen zu tilgen und unvorteilhafte Kommentare zumindest zu anonymisieren. Dennoch: Marianne B. musste sechs Wochen ausharren, bis die peinlichen Fotomontagen endlich verschwanden.

Schwierig wird es jedoch mit Einträgen, die im Einklang mit Presse- und Meinungsfreiheit stehen. Diese Erfahrung machte der Frankfurter Tierarzt Berthold Dichmann. Ein Unbekannter bezichtigte ihn unter dem dem Pseudonym „dator“ auf der Bewertungsplattform Qyipe, gegen Gesetze zu verstoßen, weil er angeblich Röntgenbilder nicht herausgebe. Dichmanns Pech: Bei der Google-Suche erschien dieser Beitrag als erster Suchtreffer. „Wenn mich jemand übers Netz gesucht hat, fand er zuerst eine Negativ- Bewertung“, sagt Dichmann.

Rufretter-Firmen lauschen dem virtuellen Getratsche

Die tägliche Pflege des Online-Images gehört heute zum Alltag.

Ihm blieb nichts, als sich in die Regeln des Reputationsmanagements zu fügen: am eignen Ruf arbeiten – und Gegenmaßnahmen einleiten. Das Ziel: Das Negative muss bei der Google-Suche möglichst nach hinten, das Positive nach vorne verschoben werden. „Es geht darum, die Kommunikation über die Person oder Firma positiv anzuregen“, sagt Berater Eck. Kurz: Man muss das Geschwätz im Netz zu seinen Gunsten beeinflussen. Wege gibt es viele: ein gefälliges Profil über sich bei Kontakt-Plattformen wie myOn-ID oder Xing; eine eigene Webseite, bestenfalls noch klug verlinkt. Noch besser: Andere schreiben lobende Beiträge, welche die negativen verdrängen. Durch einige Positiv- Bewertungen von Kunden über Tierarzt Dichmann rutschte der Ätz-Kommentar von „dator“ bei Google auf diese Weise weit nach hinten.

So wird die Pflege des Online-Images zum Wettlauf. Denn sicher kann sich Dichmann nicht sein, dass noch bald ein neuer Läster-Kommentar platziert wird. Und Marianne B. muss bangen, dass sie bald erneut am digitalen Pranger steht. Das Internet ist im Fluss, Links ändern sich, alles ist kopier- und reproduzierbar. Deshalb scannen die Rufretter- Firmen permanent das Netz – und lauschen dem virtuellen Getratsche und Gemunkel.

Stefan Mühleisen

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