Interview: Äußerung von Frauke Petry "erschreckend naiv, ahnungslos"

Historiker: "Völkisch" ist ein ideologischer Schlüsselbegriff

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Wer ist denn das Volk? Teilnehmer einer Demonstration von Pegida halten im Januar diesen Jahres in Duisburg ein Schild mit der Aufschrift „Volksverräterin“ hoch.

Darf man das Wort „völkisch“ 70 Jahre nach dem Krieg wertfrei benutzen? Ja, sagt die AfD-Chefin Frauke Petry. Das geht gar nicht, sagt dagegen der Historiker Johannes Hürter.

Frauke Petry

In einem Interview der Welt am Sonntag hatte die Bundesvorsitzende der AfD kürzlich geäußert, dass der Begriff „völkisch“ positiv aufgeladen werden müsse. Es sei eine unzulässige Verkürzung, wenn gesagt werde, der Begriff sei rassistisch. „Mein Problem ist, dass es bei der Ächtung des Begriffs ,völkisch‘ nicht bleibt, sondern der negative Beigeschmack auf das Wort ,Volk‘ ausgedehnt wird“, sagte sie. Letzlich sei „völkisch“ ein zugehöriges Attribut zu „Volk“.

Im Interview erläutert der Spezialist für die NS-Zeit, warum Petrys Vorstoß bestenfalls naiv ist.

Die AfD-Chefin Frauke Petry hat die Ansicht geäußert, es werde Zeit, dass der Begriff „völkisch“ positiv aufgeladen werde. Was halten Sie von Frauke Petrys Vorstoß?

Johannes Hürter: Gar nichts. Wenn man es wohlwollend formulieren will, ist Petrys Äußerung erschreckend naiv, ahnungslos und geschichtsvergessen. Man kann diesen Begriff natürlich nicht wertfrei benutzen, da es sich hier um einen ideologischen Schlüsselbegriff handelt, um ein Reizwort.

Woher kommt dieses Wort und was meint es?

Hürter: Das Wort „völkisch“ ist älter als der Nationalsozialismus. Das Wort kommt schon im 18. Jahrhundert und auch im 19. Jahrhundert vereinzelt vor, und da noch relativ neutral.

Als politischer Schlüsselbegriff wird es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts benutzt. Es war die Selbstbezeichnung der völkischen Bewegung und meint die Verbindung von radikalem deutschen Nationalismus und Rassismus. Ein wichtiger Bestandteil dieses Rassismus‘ war ein radikaler Antisemitismus.

Gibt es eine Gruppe oder eine Partei, die damit in Verbindung steht?

Hürter: Der erste große Verband, den man als völkisch bezeichnen kann, wurde 1890/91 gegründet, der „Alldeutsche Verband“ mit seiner Parole „Deutschland den Deutschen“. Deutlichen Aufschwung hat die Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg erhalten. Da waren schon Leute wie Julius Streicher dabei, die später führende Nationalsozialisten wurden.

Aber wenn dieses Wort am Anfang durchaus neutral auftauchte, dann könnte Frauke Petry doch recht haben.

Hürter: Nein, dieser Begriff lässt sich von der historischen Aufladung nicht mehr trennen. Und er ist auch damals erst populär geworden durch diese hohe ideologische Aufladung. Damit ist dieser Begriff untrennbar verbunden, und genauso untrennbar verbunden ist er mit der Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus hat sich zunächst als Teil der völkischen Bewegung gesehen, mit seinem radikalen Rassismus und seinem radikalen Antisemitismus.

Welche Ziele verfolgte die völkische Bewegung?

Hürter: Ein Kern war die Forderung nach einer ethnisch homogenen Bevölkerung. Das umfasst den Ausschluss von - und das ist der wichtige Gegenbegriff - „Fremdvölkischen“. Als fremdvölkisch wurden auch die Juden angesehen, auch jene Juden, die sich im 19. Jahrhundert weitgehend assimiliert hatten. Wenn Frauke Petry zu so einem Gedankengut eine Verbindung ziehen will, sagt das sehr viel über ihre eigene politische Programmatik aus.

Nämlich?

Hürter: Dass sie offenbar auch wieder eine ethnisch homogene Bevölkerung anstrebt, also „Deutschland den Deutschen“. Die Frage ist eben nur, ob das von ihrer Seite naiv ist oder ein kalkuliertes Spiel, um am rechtsextremen Rand Wählerstimmen abzuschöpfen.

Welche Vorstellung von „Volk“ steht dahinter?

Hürter: Das ist ein Volksbegriff, der sich etwa vom französischen Staatsbürgerbegriff unterscheidet. Dieser alte deutsche Volksbegriff radikalisierte sich Ende des 19. Jahrhunderts und geht davon aus, dass Deutscher nur sein kann, wer deutschen Blutes ist, wie es damals hieß.

Wie würden Sie den bundesrepublikanischen Begriff von „Volk“ definieren?

Hürter: Wir haben uns nach 1949 mit dem Grundgesetz an der westlichen Tradition im Zuge der französischen Aufklärung orientiert. Den rein rassisch-ethnischen Zugehörigkeitsbegriff haben wir überwunden, würde ich sagen. Entscheidend für uns ist das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, zu unserer Verfassung, und nicht eine ethnische Zugehörigkeit, die ja sowieso sehr schwierig zu bestimmen ist.

Frauke Petry und die AfD stellen sich gern so dar, als brächen sie Tabus. Ist das so? Bricht Petry mit dem „völkisch“-Vorschlag ein Tabu?

Hürter: Aus der Sicht des Historikers: Ja. Für einen Historiker ist der Begriff „völkisch“ eindeutig historisch und ideologisch konnotiert, und das sollte eigentlich auch für verantwortungsbewusste Politiker gelten. Es spricht nicht für das Geschichtsbewusstsein von Frau Petry, wenn sie das nicht weiß.

Spielt es für die Verwendung von „völkisch“ eine Rolle, dass seit dem Krieg 70 Jahre vergangen sind? Ist das Wort vielleicht nach so langer Zeit nicht mehr so virulent?

Hürter: Es wäre fatal, wenn wir die nationalsozialistische Vergangenheit mit diesem Argument sozusagen entsorgen wollten. Das ist unsere Vergangenheit, und das ist auch eine Verantwortung, die uns von Generation zu Generation aufgegeben ist. Ein Teil unserer Geschichte ist, welche verheerenden Folgen gerade eine völkische Ideologie für Deutschland, Europa und die Welt hatte.

Sie nennen es eine Verantwortung, die uns unsere Geschichte aufgegeben hat ...

Hürter: Es ist auch eine Mahnung, die sie uns aufgibt.

... aber genau dazu kommt aus der rechten Ecke oft das Schlagwort vom „Schuldkomplex“, mit dem es jetzt mal ein Ende haben müsse.

Hürter: Das ist ja keine persönliche Schuld, die wir mit uns herumtragen, sondern eine nationale Verantwortung, dass sich so etwas nicht wiederholt. Wir tun gut daran, uns daran zu erinnern. Noch schlimmer als ein angeblicher Schuldkomplex wäre eine zynische Geschichtsvergessenheit.

Zur Person

Prof. Dr. Johannes Hürter (52) ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München, wo er die Forschungsabteilung "Zeitgeschichte bis 1945" leitet, und außerplanmäßiger Professor für Neueste Geschichte an der Uni Mainz. Der Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus ("Notizen aus dem Vernichtungskrieg", "Hitlers Heerführer") wurde in Hamburg geboren, machte Abitur in Hannover und studierte in Heidelberg und Mainz. Er wirkte unter anderem an Guido Knoops TV-Doku "Die Wehrmacht" mit. Hürter ist Vater von vier Kindern und lebt in München.

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