Interview

Arbeitslosigkeit bei sechs Prozent: „Die Statistik verschweigt nichts“

Mit sechs Prozent ist die Arbeitslosenquote in Deutschland erfreulich niedrig, die Zahl der Beschäftigten mit 43,5 Millionen auf Rekordhoch. Grund zur Zufriedenheit? Wir sprachen mit dem Arbeitsmarkt-Experten Alexander Herzog-Stein.

Herr Herzog-Stein, die einen freuen sich über niedrige Arbeitslosenquoten, andere sprechen von Trickserei bei der Statistik. Stimmt das?

Alexander Herzog-Stein: Davon kann keine Rede sein. Es stimmt, dass die den meisten Menschen bekannte Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht alle Kategorien des Arbeitsmarktes abbildet. Deshalb ist sie nicht gefälscht. Die Lage ist viel besser als vor zehn Jahren, deshalb sollten wir die Chance nutzen, uns den Schattenseiten zu widmen.

Die Linke hat Zahlen vorgelegt, nach denen zu den 2,66 Millionen Arbeitslosen weitere rund 864 000 dazu gezählt werden müssten, etwa die in arbeitsmarktpolitischen Programmen, Ein-Euro-Jobber oder Arbeitslose über 58.

Herzog-Stein: Eine wichtige Kategorie für Arbeitslosigkeit nach der BA-Statistik ist die sofortige Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt, wenn es ein Angebot gibt. Wer in Programmen steckt, ist nicht verfügbar und sollte die Maßnahmen auch beenden. Es ist also auch nach gesetzlichen Vorgaben richtig, sie nicht aufzuführen. Aber das heißt ja nicht, dass sie verschwiegen werden. Es gibt auch für diese Personengruppen Statistiken, die allgemein zugänglich sind. Wichtig ist, dass diese unterschiedlichen Statistiken in der zeitlichen Betrachtung konsistent sind, man also Entwicklungen verfolgen kann. Und da sind wir in Deutschland gut und viel transparenter als früher. Es gibt andere Schattenseiten, um die wir uns kümmern sollten.

Welche sind das?

Herzog-Stein: Die hohe Ungleichheit der Beschäftigungsverhältnisse. Wir haben sehr viele Menschen im Niedriglohnbereich, die in den Zahlen über die positive Beschäftigungslage natürlich enthalten sind. Wir haben sehr viele Menschen, die lange arbeitslos sind; wir müssen uns überlegen, wie wir mit schlecht qualifizierten jungen Menschen umgehen, damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht schon früh verbaut werden. Und wir haben nach wie vor viel zu tun bei Teilzeit- und Minijobs.

Viele Menschen wollen doch angeblich Teilzeit- oder Minijobs.

Herzog-Stein: Es gibt viele Teilzeitbeschäftigte, die gerne länger arbeiten möchten, genauso wie es Vollzeitkräfte gibt, die kürzer treten wollen. Es wäre ein wichtige Aufgabe, Strukturen zu schaffen, um diese beiden Präferenzen zusammen zu führen. Besonders Frauen sind von diesen Problemen in den sogenannten frauenspezifischen Branchen betroffen. Wir haben zwar gute Fortschritte bei der Kinderbetreuung gemacht, aber nicht bei der wirtschaftlichen Anerkennung von Frauenberufen.

Was ist mit den Menschen, die zwar Arbeit haben, aber gerne länger arbeiten würden? Ist das nicht auch eine Form von Arbeitslosigkeit?

Herzog-Stein: Ja. Man spricht hierbei von Unterbeschäftigung. Zu Unterbeschäftigten zählen arbeitslose Menschen, die Arbeit suchen, aber keine finden. Und diejenigen, die gerne länger arbeiten würden. Ebenso sind viele Menschen in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen unterbeschäftigt. Auch dazu gibt es differenzierte Statistiken, so dass sich Experten ein gutes Bild machen können.

Im Übrigen möchte ich betonen, dass arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ja nichts Beschämendes sind, sondern unser gesellschaftlicher Anspruch, Menschen zu helfen.

Für die Zwangsverrentung älterer Arbeitsloser gilt das aber nicht, oder?

Herzog-Stein: Ich halte die Zwangsverrentung für falsch, zumal wir gleichzeitig über längere Lebensarbeitszeit und Flexi-Renten reden. Der Staat will damit Arbeitslosengeld sparen zu Lasten der Betroffenen, deren Rentenansprüche sinken. Doch das haben wir wirklich nicht nötig.

Was kann die Statistik nicht abbilden?

Herzog-Stein: Die Qualität der Arbeit, also Entlohnung und Arbeitsbedingungen. Deshalb muss man gute Zahlen aber nicht schlecht reden. Wir haben Luft, uns der Qualität zu widmen, dazu haben andere Länder mit hohen Arbeitslosenquoten gar keine Ressourcen. In Teilen wird das auch schon gemacht, angefangen vom Mindestlohn bis hin zu Verbesserungen für Leiharbeiter. Man kann darüber streiten, ob das reicht. Das ist konstruktiver als über die Statistik zu streiten.

Zur Person:

Alexander Herzog-Stein (44), ist seit 2012 Arbeitsmarktexperte am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Der promovierte Ökonom aus Rottenburg am Neckar hat in den Niederlanden und Großbritannien Wirtschaftswissenschaften studiert. Er lebt heute mit seiner Familie im nordrhein-westfälischen Neuss.

Hintergrund: Was heißt Vollbeschäftigung?

In einigen Regionen Deutschlands liegt die Arbeitslosigkeit unter vier Prozent, von Vollbeschäftigung sprechen Ökonomen aber noch nicht. Früher waren zwei Prozent die Grenze, unter der man von Vollbeschäftigungt sprach. Der Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein hält ohnehin nicht viel von dem Begriff in Bezug auf die Arbeitslosenstatistik, da man immer auch Menschen habe, die in dieser Statistik nicht auftauchen (siehe Interview), aber dem Arbeitsmarkt auch nicht zur Verfügung stehen.

„Statt Vollbeschäftigung zum Maßstab für Erfolg zu machen, sollten wir uns lieber über den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die Zunahme der Beschäftigung freuen. Eine niedrige Quote ist ein klares Signal dafür, dass wir jetzt die Ressourcen haben, uns den schwierigen Problemen zu widmen, die es nach wie vor gibt.“ (wet)

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