Interview mit Oberarzt Herrmann

Arzt fordert Rauchverbot im Auto im Beisein von Kindern: „Wie in verrauchter Bar“

Jährlich sterben mehr als 165 000 Kinder an den Folgen des Passivrauchens.

Das geht aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. Dr. Bernd Herrmann, Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Kassel, setzt sich daher mit einem Antrag bei der Bundesregierung für ein Rauchverbot im Auto im Beisein von Kindern ein.

Warum ist ein Verbot nötig? 

Dr. Bernd Herrmann: Wenn man drei Zigaretten im Auto - selbst bei offenen Fenster - raucht, dann entspricht die Toxin-Belastung im Blut des Kindes etwa einem Abend in einer verrauchten Bar. Als Kinderarzt belastet es mich, wenn Eltern ihre Kinder mit Atembeschwerden zu uns bringen, sich nach der Untersuchung aber auf dem Parkplatz eine Zigarette anzünden und damit ins Auto steigen. Zigaretten enthalten etwa 4800 Chemikalien, davon sind 250 giftig und 90 krebserzeugend.

Sind Kinder stärker gefährdet als Erwachsene?

Herrmann: Kinder atmen zwei bis dreimal schneller als Erwachsene und dadurch auch mehr Zigarettenrauch ein. Im Verhältnis zu ihrer Körpergröße nehmen sie eine sehr viel höhere Menge an Giftstoffen auf. Kinder können sich im Gegensatz zu Erwachsenen nicht gegen das Rauchen im Auto wehren.

Was bewirkt Passivrauchen bei Kindern? 

Herrmann: Kinder, die Zigarettenrauch ausgesetzt werden, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit für Herzkrankheiten, erhöhten Blutdruck, Brustkrebs, Mittelohr- oder Mandelentzündungen und fehlen häufiger in der Schule. Untersuchungen zeigen, dass in den USA dadurch rund 26 000 neue Asthmaerkrankungen pro Jahr ausgelöst werden.

Gifte aus dem Rauch setzen sich auf Oberflächen ab und reagieren mit diesen und mit Luftbestandteilen, was neue krebserregende Stoffe hervorbringt. Kleine Kinder, die alles in den Mund stecken, sind da besonders gefährdet, übrigens erst recht im Haushalt. Beim Passivrauchen gibt es keinen Abschalter und keine unkritische Dosis.

Sollte man Rauchen an Orten mit Kindern verbieten? 

Herrmann: In unserer raucherfreundlichen Gesellschaft wird das schwer machbar sein. Man kann den Weg dahin aber mit einem Rauchverbot im Auto bereiten und dadurch hoffentlich Raucher zum Umdenken anregen.

Kritiker stellen diesbezüglich die Frage, warum man immer sofort alles verbieten muss. Leider haben amerikanische Studien gezeigt, dass Kampagnen gegen das Rauchen im Auto überwiegend wirkungslos waren. Erst als einige Bundesstaaten Verbote aufstellten, veränderte sich das Bewusstsein der Raucher zum Wohl der Kinder.

Wie hoch ist die Chance, dass das Verbot kommt? 

Herrmann: Als Vertreter des Dachverbands der Kindermedizin-Fachgesellschaften vertrete ich die Meinung, dass wir Kinder vor einer so offensichtlichen Gefährdung schützen müssen.

Meine Kontakte zur Politik aber sagen, dass der Einfluss der Tabaklobby zu stark ist. Politiker werden enorm unter Druck gesetzt. Aber wir bleiben dran, bis das Verbot kommt.

Die WHO-Studie in Kürze

Die Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO basiert auf Daten aus 192 Ländern, die 2004 erhoben wurden. Im Fokus liegen die möglichen Erkrankungen, die bei Erwachsenen und Kindern auftreten, die Passivrauch von Tabak ausgesetzt sind. Ein Teil der Ergebnisse in Kürze:

• Etwa jeder 100. Todesfall im Jahr ist Folge des Passivrauchens.

• Zigarettenrauch kann bakterielle Infektionen hervorrufen. Diese können zu Mittelohrentzündungen mit Schmerz, Fieber und Gehörverlust führen.

• Besonders Kinder in der Dritten Welt und vor allem Kinder unter zwei Jahren leiden aufgrund von Passivrauchen häufiger an Erkrankungen der Atemwege. Sie sind nach Herzerkrankungen die häufigste Todesursache.

• Weltweit werden Schätzungen zufolge etwa 21 000 Passivraucher in den nächsten Jahren an Lungenkrebs sterben.

• Es besteht ein Zusammenhang zwischen Brustkrebs und rauchexponierten Mädchen.

Die vollständige WHO-Studie gibt es hier.

Zur Person

Dr. Bernd Herrmann (56) ist Oberarzt und Leiter der Ärztlichen Kinderschutz- und Kindergynäkologieambulanz am Klinikum Kassel. Er sitzt der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin vor und ist Initatior der Internationalen Kasseler Fortbildung „Medizinische Diagnostik bei Kindesmisshandlung“. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Rubriklistenbild: © dpa

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