„Besatzung ist das Kernproblem“

+
Männer tragen ein Kind zu Grabe, das in der Nacht zu gestern beim Beschuss einer UN-Schule im Gazastreifen durch israelische Truppen ums Leben kam. Foto: afp

Frau Dr. Daibes - welche Nachrichten haben Sie als letzte aus dem Gazastreifen erreicht?

Khouloud Daibes: Gaza ist ein Schlachtfeld mit inzwischen über 800 Toten, mehr als 5250 Verletzten. Die Leute wissen nicht, wohin sie vor den israelischen Angriffen fliehen sollen. Über 150 000 der 1,8 Millionen Menschen in Gaza haben Schutz in Schulen gesucht, die wiederum von Israel bombardiert werden.

Israel begründet seine Militäraktion damit, sich nicht von der Hamas aus Kellern beschießen lassen zu wollen, die die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilder missbraucht. Kann man das nicht verstehen?

Daibes: Schon 4300 Häuser wurden zerstört! Es kann ja nicht angehen, dass sich Hamas-Kämpfer oder Raketen unter jedem Haus in Gaza befinden. Und militärisch ist das Kernproblem auch nicht zu lösen.

Was ist in Ihren Augen das Kernproblem?

Daibes: Die Besatzung palästinensischer Gebiete durch Israel. Israels Regierung torpediert mit ihrem Vorgehen den politischen Prozess, mit dem die palästinensische Einheitsregierung gebildet wurde, um zu Wahlen zu kommen. Bemühungen der PLO in dieser Sache wurden nicht honoriert, die Hamas war bereit mitzuarbeiten. Die fehlende politische Perspektive führt zu einer Radikalisierung auch unter israelischen Rechtsextremen und Siedlern.

Die Lage in Gaza wird immer dramatischer, aber bislang hat ja grade die Hamas eine Waffenruhe abgelehnt …

Daibes: Die Kampfhandlungen müssen sofort gestoppt werden. Dazu laufen auf internationaler Ebene viele Gespräche. Wir brauchen aber das ernste Signal der Weltgemeinschaft, dass weitere Schritte hin zum Ende der Belagerung und Besetzung folgen, hin zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Frieden und Sicherheit für Israel gibt es nicht ohne Frieden und Sicherheit für die Palästinenser. Bisher erleben wir solche Militäraktionen alle zwei Jahre.

Im Vorfeld der Kämpfe erschütterten der Mord an drei israelischen Jugendlichen und der vermutliche Rachemord an einem 16-jährigen Palästinenser. Im letzteren Fall hat Israels Polizei Tatverdächtige festgesetzt - was hat die palästinensische Polizei erreicht?

Daibes: Für die Tat wurde die Hamas verdächtigt - Belege wurden bisher nicht vorgelegt. Wir haben eine unabhängige Untersuchungskommission gefordert. Wissen Sie, was C-Gebiete sind? Sie machen mit über 60 Prozent den Löwenanteil des besetzten Palästinas aus. Die Kontrolle obliegt der israelischen Armee. Für die Zivilverwaltung, auch polizeiliche Ermittlungen, ist die israelische Ziviladministration zuständig. Dort werden immer wieder Palästinenser von Siedlern erschossen. Zudem werden die meisten Fälle von Tötungen oder Angriffe von Siedlern von Israel nicht strafrechtlich verfolgt.

Was sagen Sie zu antisemitischen Hassparolen auf Pro-Palästina-Demos in Deutschland?

Daibes: Wir sind gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Für die Mehrheit der Demonstranten, die politische Lösungen und Menschenrechte für Palästinenser fordern, sind diese Parolen nicht repräsentativ. Die Debatte in Deutschland ist wichtig - sie sollte sich weiter Gaza widmen.

Zur Person

Khouloud Daibes (48) wurde im Juli 2013 von Präsident Mahmoud Abbas als Botschafterin Palästinas in Deutschland bestätigt. Die in Jerusalem geborene katholische Christin studierte Architektur in Hannover und kehrte 1995 nach Palästina zurück. Sie leitete von 2007 bis 2012 das palästinensische Ministerium für Tourismus und Altertümer. Daibes ist verheiratet und hat drei Kinder.

Von Wolfgang Riek

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.