Weißrussland wird seit 22 Jahren von Alexander Lukaschenko regiert

Besuch in Minsk, dem blitzsauberen Wohnzimmer des Präsidenten

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Geordnetes Gedenken: Kranzniederlegung am Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl in Minsk.

Belarus? Wo ist das? Die Deutschen nennen den Staat zwischen Russland und Polen "Weißrussland" und "letzte Diktatur Europas". Doch dieses Etikett verstellt den Blick: Momentaufnahmen aus einem Land, das auf dem Weg in die Moderne ist und auf der Suche nach seiner Geschichte.

Niemand spricht es aus, doch der Gedanke hängt in der Luft. Seit Stunden zieht eine gleichförmig grüne Landschaft am Busfenster vorbei, vollkommen flach sind die Felder im Osten Weißrusslands. Der Blick geht endlos weit, ab und zu Kühe, vereinzelt Häuser. Und dann ist er da, der Gedanke: Hier sind sie hermarschiert, Hitlers Truppen. Nicht mal ein Hügel hat hier den Weg der Wehrmacht nach Moskau erschwert. Dies ist das Land, wo die SS gewütet hat, vor über 70 Jahren, wo die Deutschen ganze Dörfer angezündet haben. Es ist still im Bus, bis einer sagt: „Mein Vater war hier, im Krieg.“

In Minsk wird gebaut wie verrückt, ein Hochhaus neben dem nächsten, und was älter ist als 20 Jahre im Zentrum der Hauptstadt, ist top gepflegt. Die Hauptstraße der 1,9-Millionen-Einwohner-Stadt, den Unabhängigkeitsprospekt, zieren pompöse Bauten aus der Sowjetzeit - nicht ein Krümelchen Putz rieselt hier. „Diese Straße ist das Wohnzimmer des Präsidenten“, sagt jemand im Hotel. Boutiquen von Hugo Boss und Ermenegildo Zegna liegen an der achtspurigen Straße, deren Fassaden bis in die Nacht hinein beleuchtet werden, als sei sie ein Boulevard in Paris.

„In den Läden habe ich noch nie jemanden außer den Verkäuferinnen gesehen“, sagt eine Deutsche, die in Minsk studiert. Als Ausländerin zahlt sie für ein Zimmer im Studentenwohnheim umgerechnet 18 Euro pro Monat, für Einheimische kostet es 9 Euro. Auf den Straßen fahren fast keine Autos aus Sowjetproduktion mehr, statt dessen Mittelklasse von Toyota, Mitsubishi und Volkswagen.

Die Supermärkte sind gefüllt wie im Westen, „aber die normalen Leute können sich das nicht leisten“, sagt ein junger Weißrusse. Wer abends in die Hauptstadt reinfährt, sieht, dass ganze Etagen der neuen Hochhäuser im Dunkeln liegen - unbewohnt. Auch für weißrussische Verhältnisse ist es in diesen Frühlingstagen ungewöhnlich kühl: um die acht Grad, Nieselregen, Wind. Dennoch sind die Hotelzimmer ungeheizt. Der Staat schaltet das Gas zum Heizen Mitte März zentral ab. Die Weißrussen stellen Heizlüfter in ihre Wohnungen oder ziehen dicke Jacken an.

Alexander Lukaschenko

Es sollen Kredite aus Moskau und China sein, mit denen Präsident Alexander Lukaschenko den Wirtschaftsaufschwung seines Landes bezahlt. Seit 22 Jahren regiert er Belarus, wie Weißrussland offiziell heißt. Lukaschenko hat das Land unter Kontrolle und auch die Opposition. Anders als andere frühere Sowjetrepubliken ist Belarus wirtschaftlich und außenpolitisch stabil, das bringt Lukaschenko Zustimmung. „Lukaschenko - guter Präsident“, erklärt ein alter Mann an einer Tankstelle und zeigt auf seinen Bizeps: „Starker Präsident!“

Für die Deutschen ist Gorbatschow ein Prachtkerl, aber wir sehen ihn anders“, sagt der grauhaarige Mann im Nadelstreifenanzug. Der pensionierte Arzt ist einer von etwa 800.000 Liquidatoren, die vor 30 Jahren nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die heute gesperrte 30-Kilometer-Zone rund um das Atomkraftwerk aufgeräumt haben. 23 Prozent des Staatsgebiets von Belarus waren radioaktiv belastet. Nach der Explosion am 26. April 1986 informierte die sowjetische Führung in Moskau unter Michail Gorbatschow die Bevölkerung tagelang nicht. Die Menschen liefen bei den Paraden zum 1. Mai durch radioaktiven Dunst und wussten es nicht. Das empört viele noch heute.

In Gomel, 200 Kilometer nördlich von Tschernobyl, leben heute 500.000 Menschen. Ein zweitägiger Aufenthalt in der zweitgrößten Stadt Weißrusslands soll der Strahlenbelastung während eines innereuropäischen Fluges entsprechen - die Menschen leben immer hier, jahrein, jahraus. In den Gärten werden Kartoffeln angebaut, am Flussufer stehen Angler. Der Staat lässt Nahrungsmittel kontrollieren und senkt die Grenzwerte in dem Maße, in dem die radioaktive Belastung des Gebiets sinkt. In den Krankenhäusern gibt es sogenannte Veteranenzimmer: Liquidatoren und Kriegsteilnehmer aus Afghanistan und dem Irak werden dort regelmäßig gesondert untersucht.

Geordnetes Gedenken: Kranzniederlegung am Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl in Minsk.

„Sie haben Angst vor uns gehabt.“ Die heute 39 Jahre alte Weißrussin wurde mit ihrer Familie aus der strahlenverseuchten Region zwangsevakuiert. Sie ist eines der „Kinder von Tschernobyl“, die zu Erholungsaufenthalten nach Westdeutschland geschickt wurden. Obwohl nicht einmal 40 Jahre alt, leidet sie unter Grauem Star. Ein Folge der Strahlung? Wer weiß das schon. Auch der pensionierte Arzt ist nicht ganz gesund, darüber sprechen will er nicht. Er fühle sich nicht vom Staat verheizt, sagt er: „Niemand hat damals gewusst, was zu tun ist. Es war für alle das erste Mal.“ Er habe seine Pflicht getan. Dass Belarus ein neues Atomkraftwerk bauen will, findet er in Ordnung: „Wir wollen auch ein modernes Land sein, wir wollen Fortschritt. Dazu braucht es Energie.“

Im Ghetto in Minsk hatten die Deutschen von 1941 bis 1943 bis zu 80.000 Juden eingepfercht, nahezu alle wurden ermordet. Daran erinnern eine kleine schwarze Tafel an einer Hauswand und die Gedenkstätte Jama. Präsenter im Stadtbild ist der Sieg der Sowjets und damit auch der Weißrussen im Zweiten Weltkrieg, den sie hier „Großer Vaterländischer Krieg“ nennen. In Buchhandlungen stehen großformatige Bildbände, am Unabhängigkeitsprospekt weisen fassadenhohe Plakate auf den Tag des Sieges am 9. Mai hin. Im Hoteleingang in Gomel grinsen zwei Teenager mit rasierten Köpfen, als sie Deutsch vernehmen. Sie reißen den rechten Arm hoch, rufen „Sieg Heil!“ und laufen lachend weg. Der Mann, der im Bus von seinem Vater sprach, regt sich schlagartig auf. „Seid still, verschwindet!“, brüllt er.

Auf zehn Zentimeter hohen Absätzen laufen die Kellnerinnen im Grand Cafe in Minsk und sind vollendet höflich. Geschäftsleute und Ausländer besuchen das Nobelrestaurant. Einer von ihnen ist gerade völlig aus dem Häuschen. „Seit zehn Jahren komme ich nach Belarus, und ich habe hier noch nie Deutsche getroffen“, ruft der Deutsche und breitet die Arme aus. „Ist das nicht ein tolles Land?“, fragt er begeistert. Er baue gerade eine Produktion hier auf, alles ganz super, nicht so viele Vorschriften wie in Deutschland. Sicher, Minsk sei auffallend sauber - das sei ja gerade das Tolle. Nein, Bettler sehe man keine, die würden eingesammelt und vor die Stadt gebracht. „Aber dazu äußere ich mich nicht“, sagt er. „Das ist Politik, da halten wir uns raus.“

Fakten zu Weißrussland

Name: Republik Belarus 

Staatsform: präsidiale Republik, Präsident Alexander Lukaschenko (seit 1994). 

Belarus ist das einzige Land in Europa, in dem noch die Todesstrafe verhängt wird. 2015 wurde kein Urteil vollstreckt. Laut Amnesty International sind die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit stark eingeschränkt, Journalisten müssen mit Schikanen rechnen. 

Einwohner: 9,5 Mio. Menschen (Deutschland: 80 Mio.). 

Fläche: 207 600 Quadratkilometer (Deutschland: 357 400). Ähnlich wie in Polen wurden die Grenzen von Belarus nach 1945 nach Westen verschoben. 

Bruttoinlandsprodukt: 58 Mrd. US-Dollar im Jahr 2014 (Deutschland: 3636 Mrd. US-Dollar in 2013)

Literaturtipps

Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau. Eine Reise zu Fuß, Rowohlt 2007, 9,99 Euro. 

Swetlana Alexijewitsch (Nobelpreis für Literatur 2015): Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Piper-Taschenbuch, 9,99 Euro 

Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus, Suhrkamp-Taschenbuch, 11,99 Euro 

Nadine Lashuk: Liebesgrüße aus Minsk, Piper 2016, 14,99 Euro.

Unsere Autorin

Tatjana Coerschulte (50), hat Osteuropäische Geschichte studiert und ist Redakteurin im Nachrichtenressort. Ende April/Anfang Mai dieses Jahres war sie in Belarus. Eindrücklichste Erfahrung? "Nach einigen Tagen denkt man unwillkürlich über persönliche Freiheitsrechte nach. Wir im Westen halten sie für selbstverständlich, aber sie sind es nicht."

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