Studie: Raumluftwerte dreimal höher als in Normalhaushalten - Tipps für Eltern

BUND warnt vor Weichmachern - Kindergärten besonders belastet

Kassel/Berlin. Die Raumluft in deutschen Kindergärten ist im Schnitt dreimal höher mit giftigen Kunststoff-Weichmachern belastet als in Durchschnittshaushalten. Dieses Ergebnis bundesweiter Untersuchungen in 60 Kitas hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin vorgestellt.

Freiwillig hatten Kindereinrichtungen dafür Beutel ihrer Staubsauger eingeschickt. Die Analysen im Labor nannte BUND-Chemieexpertin Sarah Häuser „schockierend“. Weichmacher (Phthalate) stecken in Weich-PVC. Sie wirken wie Hormone und stehen im Verdacht, für Missbildungen der Geschlechtsorgane und Störungen der Fruchtbarkeit verantwortlich zu sein. Außerdem stehen sie im Verdacht, Atemwegsprobleme, etwa Asthma, zu verstärken.

Etliche Weichmacher sind seit 2007 in Babyartikeln und Kleinkinderspielzeug verboten. Nur: Auch viele andere Dinge des täglichen Lebens enthalten Phthalate. Bodenbeläge, Vinyltapeten, Verpackungen etwa. Und - gerade in Kindergärten - Turnmatten, Sportbälle, Matratzenbezüge, Tischdecken aus Plastik oder Möbelpolster aus Kunstleder, Regenkleidung und Gummistiefel. Das Gift gast nach und nach aus, reichert sich in Luft und Staub an.

Belastungen wo immer möglich reduzieren, raten etwa Gesundheitsexperten des Umweltbundesamtes (UBA). Dort sieht man sich durch die BUND-Studie in eigenen Untersuchungen bestätigt. Das Problem bei der Bewertung der Phthalat-Gefahren gleicht dem, was für viele Chemikalien gilt: Über Langzeit- oder Kombinationseffekte beim Menschen weiß man zu wenig. Gesetzliche Grenzwerte für Phthalat in Innenräumen gibt es laut BUND in Deutschland nicht. Ibrahim Chahoud, Toxikologe am Berliner Uniklinikum Charité, sagt: „Es gibt keine sichere Dosis, es bleibt immer ein Risiko.“

Drei Phthalate (DEHP, DBP und BBP), die die EU für „besonders besorgniserregend“ hält, dürfen ab 2015 nur noch mit Spezialgenehmigung verwendet werden. Zu lasch, findet der BUND, und fordert: Weichmacher-Produkte, „die gefährlich für Kinder sind, sollen für die Umgebung von Kindern verboten werden“.

Das UBA rät Eltern sich zu informieren und selbst zu handeln: „Die Belastung lässt sich einfach senken!“ Wie das geht, will Hessens Sozialministerium Kindergartenträgern demnächst mitteilen.

Von Wolfgang Riek

Service: Phthalate - es geht auch mit weniger Gift

• Produkte aus Weich-PVC meiden oder ersetzen, rät der BUND: Empfehlenswert stattdessen sind Naturkautschuk, Holz, Linoleum oder Kork.

• Wie kriegt man raus, wo Weich-PVC drinsteckt? Händler und Vertreiber fragen, rät das Umweltbundesamt (UBA): „Das europäische Chemikalienrecht REACH verpflichtet den Handel, innerhalb von 45 Tagen über Inhaltsstoffe aus der Liste der besonders besorgniserregenden Stoffe Auskunft zu erteilen“ - kostenlos.

• Plastikprodukte, die stark riechen, enthalten ausgasende Stoffe, warnt der BUND. Das kann ein Ansatz zu genauerer Recherche sein.

• Bei Renovierung oder Neubau besser PVC-freie Materialien verwenden. Gütezeichen wie der Blaue Engel, natureplus, das GuT-Siegel oder das TÜV-TOXPROOF-Zeichen können Orientierung bieten, welche Baumaterialien schadstoffarm sind.

• Gutes Raumklima kann die Belastung mit Weichmachern senken. „Schadstoffe sammeln sich gern im Hausstaub an. Deshalb sollte regelmäßig gelüftet, sauber gemacht und abgestaubt werden“, so der BUND: „Besprechen Sie gemeinsam mit der Kita-Leitung die Putzpläne!“ Und weiter: „Regelmäßiges Lüften der Innenräume ist Pflicht.“

• Zu PVC-Produkten gibt es Alternativen - der BUND nennt: Schadstoffarme Papiertapeten und Wandanstriche Regenbekleidung aus gewachster Baumwolle oder Nylon Gummistiefel aus Naturkautschuk Tischdecken aus Papier oder acrylbeschichtete Papierdecken Turnmatten aus schwerem Baumwollsegeltuch Bausteine mit Polyurethan-Beschichtung

• Kindergärten aus unserer Region waren beim Weichmacher-Test des BUND nicht vertreten. Sie können sich nachmelden und ebenfalls gefüllte Staubsaugerbeutel zur Analyse einsenden.

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