So war der Bundespräsident bis jetzt - eine Zwischenbilanz

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Verzichtet auf zweite Amtszeit: Bundespräsident Joachim Gauck.

Joachim Gauck hat rechtzeitig für Klarheit gesorgt: Er wird nicht wieder für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren. Seine Amtszeit hat der gebürtige Rostocker aber schon jetzt deutlich geprägt. Eine Zwischenbilanz.

Amtsverständnis

Gauck sieht sich stets als überparteilich und als Ermutiger der Menschen. Im Laufe der letzten vier Jahre hat er durchaus gelernt, sich politisch geschickter zu positionieren, ohne Neben-Regierungspolitik zu machen. Das war ihm vorher nicht zugetraut worden. Anfangs mischte sich Gauck viel ein, trat in manches Fettnäpfchen. Er wollte für Unruhe sorgen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Land befindet sich ohnehin in Aufregung wegen der Flüchtlingskrise und dem Erstarken der Rechtspopulisten. Er selbst hat zuletzt das veränderte gesellschaftliche Klima bei seinen Auftritten zu spüren bekommen, auch er erlebte Anfeindungen. Auch das mag für ihn gegen eine zweite Amtszeit gesprochen haben.

Reden

Anfänglich kämpfte Gauck mit denselben Schwierigkeiten wie die meisten seiner Vorgänger: seine Reden blieben weitgehend ohne öffentliche Resonanz. Das Jahr 2014 markierte freilich den Wendepunkt. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz plädierte er für eine verantwortungsvollere Rolle Deutschlands in der Welt, notfalls auch mit militärischen Mitteln. In der Flüchtlingskrise setzte Gauck auf ein Sowohl-Als-Auch: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich“, sagte er. Ein Satz, den jeder unterschreiben konnte.

Verhältnis zur Kanzlerin

Im ersten Jahr seiner Amtszeit ereilte ihn des Öfteren ein Anruf aus dem Kanzleramt mit der Frage, wie er denn Dieses oder Jenes gemeint habe. Gauck musste erst lernen, sich nicht arglos mit Angela Merkel und ihrer Politik anzulegen. Merkel kennt Gaucks Eigensinn, weshalb sie ihn eigentlich nicht als Präsidenten wollte. Beide verbindet nun aber ein funktionierendes Arbeitsverhältnis, man trifft sich regelmäßig. Die Kanzlerin achtet zudem darauf, dass aus ihrem Umfeld möglichst keine Reaktionen auf Gaucks Positionierungen nach außen dringen. Nun geht die Suche nach einem neuen Kandidaten für Schloss Bellevue los.

Stärken

Eine der Stärken des Ostdeutschen ist, mit klugen Sätzen und Gedanken selbstständig Akzente zu setzen. Man hört ihm gerne zu. Gauck beeindruckt seine Gesprächspartner stets mit seinem großen Wissen. Er ist bürgernah, herzlich und offen gegenüber seinen Mitmenschen.

Schwächen

Gauck galt immer als eitel, nicht zu Unrecht. Das machte ihn manchmal sogar politisch unvorsichtig. Wie bei seiner Israel-Reise, als er sich im Überschwang überraschend von Merkels Versprechen distanzierte, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson. Bis heute erscheint Gauck zuweilen von sich selbst, seinen Gefühlen und seinem Amt überwältigt. Er hat einen Hang zur chaotischen Unordnung, ab und zu scheint auch eine gewisse Lebensuntüchtigkeit bei der Bewältigung ganz praktischer Dinge durch. Im Amt des Präsidenten dürfte sich das nicht gerade verbessert haben.

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