Vorstoß in München soll alte Menschen aus dem Auto locken

Busfahrkarte statt Führerschein: Senioren sollen tauschen

Kassel/München. Senioren, die sich hinterm Autosteuer im hektischen Stadtverkehr nicht mehr wohlfühlen, sollen in München eine kostenlose Bus&Bahn-Jahreskarte der Münchner Verkehrsgesellschaft bekommen. Das fordern die Grünen im Stadtrat. Einzige Bedingung: Die Älteren sollen im Gegenzug ihren Führerschein abgeben.

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr für alle, Hilfe dabei, mobil zu bleiben, ein Schritt auch gegen Altersarmut - so begründen die Grünen ihren Vorstoß. Neu sind solche Tauschaktionen nicht: Der badische Landkreis Waldshut etwa lockt so zusammen mit dem ÖPNV-Tarifverbund (WTV) seit 1998 Senioren vom Steuer weg.

60 Männer und Frauen nehmen pro Jahr das Angebot an - freiwillig. In der Regel zielt es auf über 60-Jährige. Betoniert ist diese Altersgrenze aber nicht - in begründeten Einzelfällen, Krankheit oder Behinderung, geht’s auch früher. Manchen Menschen kommt die Tauschaktion wie gerufen, heißt es beim WTV. Andere nehmen das Freiticket, das mittlerweile sogar eine zweite Person und Kinder einschließt, gerne mit, obwohl sie seit Jahren nicht mehr fahren. Eine dritte Gruppe spricht das Straßenverkehrsamt gezielt an: Leute, die durch Schlangenlinienfahren oder Schlimmeres auffallen.

Jahreskarte für Bus und Bahn gegen Führerschein - unter anderen die Städte Ulm (ab 63 Jahren), Bad Segeberg (ab 64) Lingen im Emsland und Rheine (ab 80) hatten oder haben das im Programm.

Zur ganzen Wahrheit gehört natürlich, dass das Tauschgeschäft in aller Regel auf eine ÖPNV-Jahreskarte beschränkt ist und nicht freie Fahrt bis zum Sankt-Nimmerleinstag-bedeutet. Im Folgejahr müssen Senioren ohne Führerschein dann bezahlen - meist aber den reduzierten Ältere-Leute-Tarif.

Klar ist außerdem, dass der Deal Fahrerlaubnis gegen Jahreskarte in Städten mit gutem ÖPNV-Netz und dichten Taktzeiten viel verlockender ist als auf dem flachen Land, wenn nur morgens, mittags und abends mal ein Bus vorbeikommt.

Groß beworben werde die Aktion nicht, heißt es beim Tarifverbund WTV in Waldshut: Bei allen Vorteilen für Verkehrssicherheit und Mobilität älterer Menschen müssen Kommunen und Nahverkehrsunternehmen derartige Nulltarif-Angebote auf der Kostenseite überschaubar halten.

Das geht so: Die belgische Stadt Hasselt, die 1997 kostenlose Stadtbusse für alle einführte, machte 2013 kehrt. Fahrgäste zwischen 19 und 65 zahlen jetzt wieder. Es geht auh so: Sylt, die Urlauberinsel in der Nordsee, hat 2007 die Hürde für Führerscheintauscher auch aus finanziellen Grünen sehr hoch gelegt. „Gilt für 90-Jährige und Ältere“ hieß es in der Anfangszeit. Im vergangenen Jahr wurden laut Sylter Rundschau die Zügel gelockert: Das Mindestalter für Freifahrten wurde herabgesetzt - auf 85.

Von Wolfgang Riek

 

Hintergrund

Versicherer: Probleme und Defizite nicht totschweigen 

Siegfried Brockmann, GDV-Unfallforscher

• Zwischen „Gesundheits-TÜV für Senioren am Steuer!“ und „Ja keine Altersdiskriminierung!“ geht die Debatte seit Jahren hin und her. Spätestens, wenn wieder mal ein 80-Jähriger auf der falschen Seite der Autobahn unterwegs ist, wird sie neu befeuert.

• „Die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Fußgänger und Radfahrer sind über 65 Jahre“, heißt es bei der Unfallforschung der Versicherer (GDV). Der Anteil dieser Altersklasse liegt bei gut 20 Prozent, steigt weiter und soll bis 2060 ein Drittel ausmachen.

„Schon heute wissen wir, dass jenseits des 75. Lebensjahres statistisch Zahl und Schwere selbst verursachter Unfälle deutlich zunehmen“, sagt GDV-Unfallforscher Siegfried Brockmann, „vorher gibt es kein Problem“.

• Schlechteres Sehen und Hören, schlechtere Beweglichkeit der Halswirbelsäule, die Rundumblicke erschwert, Einschränkungen durch Medikamente und nachlassendes Tempo bei der Verarbeitung von Informationen gelten als Risiken.

• Weil sich die Zahl der Auto fahrenden Senioren bis in zehn Jahren verdoppelt haben wird, dürfe man Probleme und Defizite alter Autofahrer nicht totschweigen. Und damit auch nicht die Konsequenz regelmäßiger Tests, so Brockmann.

Rubriklistenbild: © Agentur

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.