Grünes Band: DDR-Grenzstreifen als erstes deutsches Naturmonument?

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Einst schwer befestigte Grenze, heute Grünes Band - hier inmitten von Getreidefeldern zwischen Bayern und Thüringen.

Erfurt. Es gilt als erstes deutsch-deutsches Naturschutzprojekt nach der Wende: Nun will Thüringen das Grüne Band, den früheren DDR-Grenzstreifen zu den Nachbarländern Hessen, Niedersachsen und Bayern, zum ersten großflächigen Naturmonument der Bundesrepublik adeln.

Wo am Todesstreifen bis 1989 Sperrzaun, Militär und Minen beide Teile Deutschlands, Ostblock und westliche Welt trennten, gedeihen 1200 Tier- und Pflanzenarten der Roten Listen Deutschlands. Zugleich reihen sich quer durchs Land Schauplätze der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte - auch wenn Bauwerke größtenteils verschwunden sind.

Heute Wanderroute: Spaziergänger auf dem ehemaligen Kolonnenweg.

„Nationale Naturmonumente“ auszuweisen erlaubt das Bundesnaturschutzgesetz den Ländern seit 2010. Ab Mitte August will Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) ein erstes Meinungsbild in den Kommunen und bei den Landnutzern einholen. 2018 möchte Erfurt die Gesetzgebung abschließen. Aus Sicht von Historikern drängt die Zeit: „Es gibt Schüler, die hier zum ersten Mal erfahren haben, dass es eine Grenze und einen Schießbefehl gab. Einige glaubten gar, dass Erich Honecker ein deutscher Bundeskanzler war“, sagt Volker Bausch, scheidender Direktor der Grenzgedenkstätte Point Alpha in der Rhön, früherer Schulamtsdirektor in Kassel.

Erstes Nationales Naturmonument - der Titel dürfte zusätzlich Besucher bringen. Aber dennoch vor Ort nicht nur Beifall: Das Reglement des Nationalmonuments soll dem der Nationalparke ähneln - Nutzungsauflagen oder -verbote sorgen dort im Vorfeld der Planung immer für Zoff.

Ex-UdSSR-Staatschef Michail Gorbatschow 2002 bei Teistungen mit einem BUND-Anteilsschein des Grünen Bandes.

Knapp ein Drittel des Grünen Bandes sei noch immer in Privatbesitz, sagte Hubert Weiger, Chef des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND) 2015. Das Risiko sei hoch, dass solches Land verkauft, intensiv landwirtschaftlich genutzt und dann nicht mehr für den Naturschutz taugen werde. Der BUND sieht den 1393 Kilometer langen Streifen zwischen Ostsee und Dreiländereck nahe dem bayerischen Hof vor allem von Straßen und Maisbauern sowie der Rohstoffindustrie bedroht.

Mehr als die Hälfte der 6600 Hektar Fläche entlang der 763 Thüringer Kilometer des Grünen Bandes waren laut Umweltministerium 2015 im Eigentum der landeseigenen Stiftung Naturschutz und schon irgendwie geschützt. Dennoch: Auf der Alarmliste des BUND fürs Thüringer Grenzland stehen Gipsbrüche im Südharz, der Kiesabbau in der Werraaue und Sandabbau im Sonneberger Unterland.

Weitere Interessenten auf der Naturmonument-Liste sind die Ostsee-Insel Vilm, die Kreidefelsen auf Rügen, Teutoburger Wald, Weserdurchbruch bei Porta Westfalica und die Bruchhauser Steine im Sauerland.

Hintergrund:

• Der „Todesstreifen“ der DDR-Grenze unmittelbar am Metallgitterzaun wurde regelmäßig umgepflügt und mit Pestiziden völlig pflanzenfrei gehalten. Dahinter lag ein mindestens 500 Meter breiter, ebenfalls streng bewachter „Schutzstreifen“ mit niedrig gehaltener, steppenähnlicher Vegetation (um freie Sicht zu haben) und eine streng reglementierte 5-km-Sperrzone.

• Diese Areale entwickelten sich über Jahrzehnte zum Grünen Band, zum Rückzugsgebiet für bedrohte Tier- und Pflanzenarten: von Orchideen wie Frauenschuh über den Abbiss-Scheckenfalter, Braunkehlchen, Neuntöter, Schwarzstorch, Eisvogel bis zum Fischotter.

info.erlebnisgruenesband.de

www.burg-lenzen.de


Service: 

Wandern

Siebenbändige Buchreihe des BUND „Vom Todesstreifen zur Lebenslinie“, Auwel-Verlag Niederaula, 22,50 Euro pro Band

www.grünes-band-wandern.de

Tourismus/Umwelt

Infos des Bundesamtes für Naturschutz unter anderem zum „Erlebnis Grünes Band“ und zu Naturschutzgroßprojekten an der früheren Grenze, aktuell Eichsfeld-Werratal

Radfahren

„Grenzsteintrophy“, Mountainbiker-Tour entlang des Grünen Bandes, seit 2009, mit GPS-Track

Europa-Radweg Eiserner Vorhang (Iron Curtain Trail), 10.000 Kilometer von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer

Zeitgeschichte

• Grenzmuseum Schifflersgrund, Asbach-Sickenberg,

036087/ 98409

Gedenkstätte Point Alpha

Geisa/Rhön, 06651/919030

Grenzmuseum Sorge

Stadt Oberharz, 039457/40807

Grenzlandmuseum Eichsfeld,

Teistungen, 036071/ 971 12

• Gesamtüberblick: www.grenzerinnerungen.de

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