Historikerin fordert mehr Aufmerksamkeit

Massenhafte Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg waren lange tabu

Nina Hoss
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Geschunden und geschändet: Die Schauspielerin Nina Hoss in dem Film „Anonyma - Eine Frau in Berlin“. Der Film basiert auf dem Tagebuch einer Frau, die in den letzten Kriegstagen in Berlin mehrfach Vergewaltigungen durch russische Soldaten erleiden musste.

Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten in und nach dem Zweiten Weltkrieg waren lange ein Tabuthema. Die Historikerin Miriam Gebhardt will das ändern.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Miriam Gebhardt: Zwei Motive haben mich geleitet: Aufklärung, weil man über die Massenvergewaltigungen noch sehr wenig weiß. Und die Hoffnung auf Anerkennung und Aufmerksamkeit für die Opfer und deren Angehörige, die ja oftmals auch unter Traumata leiden.

Wie macht sich das bemerkbar?

Gebhardt: Man sagt ja, dass auch Unausgesprochenes in Familien weiterwirkt, dass Kinder von Traumatisierten oft spüren, dass da was Schlimmes war. Sie lernen in frühen Jahren, auf eine bestimmte Art zu reagieren oder für eine bestimmte Person stark sein zu müssen. Es geht aber auch darum, dass wir als Gesellschaft das Bild der Frau, die stark war, die eine Trümmerfrau war und die Ärmel hochgekrempelt hat, revidieren müssen. Sehr viele Frauen hatten in der direkten Nachkriegszeit ein sexuelles Trauma, das keine Anerkennung und kein Mitleid erfahren hat.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg ist über das Thema Massenvergewaltigungen eine dicke Decke des Schweigens gelegt worden. Nun leben ja noch zahlreiche betroffene Frauen. Ist die Situation für sie heute anders? 

Gebhardt: Ja, das ist interessant, ich erlebe zwei Reaktionen auf mein Buch. Zum einen Erleichterung – Frauen, die mit über 80 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben darüber sprechen. Die andere Reaktion ist ängstlich, vor allem von Kindern von Betroffenen, die befürchten, dass das Trauma aufbricht.

Sie nennen die Frauen, die Vergewaltigungen erleiden mussten, „die stillen Opfer“. Wie viele Frauen waren das? 

Gebhardt: Das ist in amtlichen Quellen oder Statistiken nicht erfasst, deswegen habe ich eine Hochrechnung vorgenommen. Ich komme auf etwa 860.000 Vergewaltigungsopfer. Der große Teil davon entfällt auf die Rote Armee, es sind aber auch sehr viele Opfer der westlichen Besatzungsmächte dabei.

Bisher denkt man bei diesem Thema an die Rote Armee. Sie schreiben, es sei im Westen genauso vorgekommen. Worauf stützen Sie sich? 

Gebhardt: Es gab persönliche Eingaben der betroffenen Frauen beim Bundespräsidenten in den 50er-Jahren. Es gibt die sogenannten Einmarschberichte von Pfarrern in den Erzdiözesen München-Freising und Baden. Die listen auf, wie viele Frauen in welchen Dörfern vergewaltigt worden sind. Dann gibt es Anträge von Frauen, die von Franzosen vergewaltigt wurden, und in Freiburg eine Art Schadensersatz beantragt haben für die Kinder, die dabei gezeugt wurden.

Wie kommt es, dass man dennoch die russischen Soldaten als Täter vor Augen hat und die amerikanischen Soldaten als Befreier? 

Gebhardt: Das hat mit der Propaganda Goebbels zu tun, der das schon Monate vor dem Einmarsch der Russen an die Wand gemalt hat. Insofern haben die Frauen im Osten und in Berlin solche Taten erwartet.

Im Westen stieß das nicht auf eine Erwartungshaltung, weshalb die Frauen, die zu westlichen Soldaten Kontakt hatten, als Ami-Liebchen abgestempelt wurden. Dieses Vorurteil war so groß, dass es für die Frauen fast unmöglich war, über Vergewaltigung zu reden, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, dass sie es selbst gewollt hatten.

Sie schreiben, dass die Frauen nach dem Krieg zum zweiten Mal zum Opfer gemacht wurden. Wie meinen Sie das? 

Gebhardt: Die politische Großwetterlage war so, dass man sich von den Westmächten - zu Recht - Hoffnung auf politische Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwung durch die Anlehnung an die USA machte. Da passten solche Vorwürfe nicht ins Bild. In Ostdeutschland hatte die Rote Armee - ebenfalls zu Recht - den Nimbus des Befreiers. So passte es dort nicht ins Bild, dass die Befreier vergewaltigt hatten. Man muss bei diesem Thema Ambivalenzen aushalten können.

Bei den Massenvergewaltigungen wird oft ins Feld geführt, dass die Deutschen zuvor viel schlimmer gewütet hätten. Wie gehen Sie mit dieser Argumentation um

Gebhardt: Es stimmt, dass es in diesem Fall eine Hierarchie der Verbrechen gibt. Es ist dennoch möglich, dass wir heute, 70 Jahre später, auch über die andere Seite, die deutschen Opfer, sprechen. Wir haben als Nation ein Bewusstsein für die Verbrechen der Nazis und der Wehrmacht. Deswegen ist es möglich, das wir auch darüber sprechen, welche Leiden die Deutschen erfahren mussten. Grundsätzlich steht außerdem nirgendwo geschrieben, dass der Sieg über einen Aggressor, der Deutschland war, automatisch mit sexueller Gewalt einhergehen muss.

Sie schreiben, die Opfer waren nicht nur Frauen. 

Gebhardt: Ja, es waren auch Männer betroffen. Darüber wurde noch weniger gesprochen, weil es für Männer offenbar noch beschämender war als für die Frauen.

Hatten die Opfer nach dem Krieg eine Möglichkeit, juristisch gegen die Täter vorzugehen? 

Gebhardt: Von deutscher offizieller Seite gab es keine Möglichkeit, Anklage zu erheben oder Soldaten wegen Unterhaltszahlungen zu verfolgen. Aber: Die Armeen haben selber gar kein Interesse daran gehabt, dass es zu solchen Übergriffen kam. Sie haben die Vergewaltigungen selbst streng verfolgt und geahndet, bis hin zu Todesstrafen und auch langjährigen Arbeitslagerstrafen, sowohl die Rote Armee als auch die US-Armee. Es ist ein alter Mythos, dass die Rote Armee geradezu befohlen habe, deutsche Frauen zu vergewaltigen. Das scheint nicht zu stimmen, im Gegenteil. Wer dabei erwischt wurde, konnte drastische Strafen erleben.

Miriam Gebhardt (53) ist Journalistin, Historikerin und außerplanmäßige Professorin an der Uni Konstanz. Sie wurde in Freiburg geboren, absolvierte eine Ausbildung als Journalistin und arbeitete als Redakteurin. Von 1988 bis 1993 studierte sie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Landesgeschichte und Neuere Deutsche Literatur an der Universität München. Fünf Jahre später wurde sie an der Uni Münster mit einer Arbeit über familiale Erinnerungsstrategien promoviert, seit 2008 ist sie habilitiert. Die Wissenschaftlerin lebt mit ihrem Mann bei München.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen, München 2015, DVA, 351 S. 21,99 Euro. 

Historiker untersuchen heute, 70 Jahre nach Kriegsende, welche Auswirkungen Kriegsverbrechen auch auf die Angehörigen der Opfer hatten. In vielen Familien bildeten sich bestimmte Verhaltensweisen heraus, die mit Kriegserfahrungen zu tun hatten, ohne dass Kindern oder Enkeln das bewusst war oder mit ihnen darüber gesprochen wurde.

Schreiben Sie unter dem Stichwort „Tabuthema“ an: HNA-Politikredaktion, Frankfurter Str. 168, 34121 Kassel, Fax: 0561/203-2334 E-Mail: nachrichten@hna.de

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