Ewiger Traum von Kurdistan

Historie: Die Sehnsuchts-Geschichte der Kurden und der Konflikt von heute

Nach Gefechten zwischen türkischer Armee und kurdischen Kämpfern Anfang Mai: Zerstörungen in der Stadt Diyarbakir im Südosten der Türkei. Foto: afp

Die Aufhebung der Autonomie für kurdische Abgeordnete ist ein neues Kapitel im ewigen Konflikt von Staaten mit den kurdischen Interessen. Wir blicken auf die komplexe Geschichte.

Volksgruppe Kurden

Die Kurden sind eine Ethnie, also eine Volksgruppe mit eigener Identität, die hauptsächlich in der Türkei, im Irak, Iran und Syrien lebt. Geschätzt gibt es bis zu 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet nennen sie Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht, er wird aber angestrebt. Ihre Religionszugehörigkeit ist unterschiedlich: Die meisten Kurden sind sunnitische Muslime, es gibt auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden.

Siedlungsgebiet Kurdistan

Die kurdischen Sprachen zählen zu den iranischen Sprachen. „Kurdistan“ kommt aus dem Persischen und bedeutet „Land der Kurden“. Das Siedlungsgebiet erstreckt sich über das türkische Ostanatolien, über Nordsyrien und den Nordirak bis in den Westiran.

Osmanisches Reich

Die Aufteilung des kurdischen Gebiets auf mehrere Staaten, wie es sich heute darstellt, ist das Ergebnis der Vereinbarung nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei wurde die alte osmanisch-iranische Grenzlinie aus dem 16. Jahrhundert, die das Kurdengebiet während des Osmanischen Reiches (1299-1922) durchschnitt, im Prinzip nicht infrage gestellt. Die Kurden durften nach dessen Zusammenbruch am Ende des Ersten Weltkriegs sogar auf staatliche Unabhängigkeit hoffen. Die Erklärungen der Siegermächte Russland, Großbritannien und Frankreich sowie der Vertrag von Sèvres (1920) sahen nach einer Übergangsphase tatsächlich eine autonome Region für die Kurden vor.

Mustafa Kemal Atatürk

In der Summe seiner Regelungen stellte der Diktatfrieden von Sèvres nicht nur die Zerschlagung des Osmanischen Reiches dar, sondern auch die Existenz eines türkischen Nachfolgestaates infrage. Türkische Nationalisten lehnten den Vertrag von Sèvres deshalb ab; durch die Unterzeichnung verlor die Sultanatsregierung dramatisch an Ansehen bei der türkischen Bevölkerung.

Unter Mustafa Kemal (1881-1938) führte die Türkei von 1919 bis 1923 einen Unabhängigkeitskrieg. Gegner waren Armenien, Griechenland und die französische Besatzungsmacht, die unter anderem von Großbritannien unterstützt wurde. Ziel des Krieges war die Gründung eines souveränen türkischen Staates. Dazu sollten die Vergrößerungen eines armenischen Staatsgebiets und von Griechenland auf Kosten des Osmanischen Reiches sowie die Besatzungsregelungen durch die Siegermächte nach dem Vertrag von Sèvers verhindert werden.

Dem Volkshelden Mustafa Kemal (Atatürk) gelang es, auch die Kurden für die Sache der Türkei zu gewinnen. Sie kämpften in diesem Türkischen Befreiungskrieg an seiner Seite. Der Krieg diente dazu, unter vielen Volksgruppen des Osmanischen Reiches ein türkisches Nationalbewusstsein zu schaffen.

Vertrag von Lausanne

Der Befreiungskrieg mündete in den türkisch-griechischen Krieg und in den Vertrag von Lausanne (1923), den die Alliierten mit der neu entstehenden, siegreichen türkischen Republik schlossen. Der Vertrag revidierte Inhalte des Vertrages von Sèvers nach den Vorstellungen der Türkei.

Die Kurden als ethnische Minderheit wurden nun nicht mehr erwähnt. Von einer Autonomie oder gar einer möglichen staatlichen Unabhängigkeit war keine Rede mehr. Das hätte Atatürks Idee von einem homogenen und starken türkischen Nationalstaat widersprochen.

Die Kurden, die an Atatürks Seite gekämpft hatten, mussten sich betrogen fühlen. Denn als Ergebnis der Ereignisse war nun das Gebilde Kurdistan auf die Staatsgebiete der Türkei, des Iran, Syriens (unter französischer) und des Irak (unter britischer Mandatsverwaltung) aufgeteilt. Der Traum vom eigenen Staat war ausgeträumt.

Die heutige Zeit

Bis heute schwelen die gewaltsamen Konflikte um ein unabhängiges Kurdistan. Die Türkei sieht sich sowohl von den Kurden der PKK als auch von den nordsyrischen Kurden bedroht. Staatschef Erdogan unternimmt alles, damit im Zuge des Syrienkriegs kein kurdischer Staat auf syrischem und irakischem Territorium wachsen kann. Denn die Entstehung staatlicher Strukturen dort hätte wohl Ansprüche der Kurden auf türkisches Gebiet zur Folge.

PKK

Die kurdische Arbeiterpartei PKK kämpft seit über 30 Jahren auch mit Mitteln des Terrors für einen kurdischen Staat. Erklärtes Ziel ist zunächst ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. Im Juli 2015 scheiterte ein über zwei Jahre andauernder Waffenstillstand mit der türkischen Regierung. Seitdem ist der Konflikt wieder eskaliert.

Irak

Die Kurden sind neben Schiiten und Sunniten der dritte große Machtfaktor im Irak. Im Norden gibt es eine autonome Region Kurdistan. Die kurdischen Kämpfer verteidigen dort weitgehend erfolgreich ihr Gebiet – derzeit gegen die sunnitische Terrormiliz IS.

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