ARD-Journalist Marcus Wegner war bei über 100 Exorzismen dabei

Exorzismus-Experte im Interview: „Fünf Austreibungen am Tag“

Ein Kruzifix am Rosenkranz: Der Journalist Marcus Wegner will durch seine Recherchen herausgefunden haben, dass es in Deutschland fünf bis sechs Teufelsaustreibungen am Tag gibt. Foto: dpa

Im Dezember soll es in einem Frankfurter Hotel zu einer Teufelsaustreibung gekommen sein, bei der eine Koreanerin starb. Wir haben einen der wenigen Exorzismus-Experten interviewt.

Herr Wegner, wie wird man eigentlich Exorzismus-Experte? 

Marcus Wegner: Das liegt schon viele Jahre zurück. Ich war als Reporter für den Westdeutschen Rundfunk unterwegs und musste zu einem Hausbrand. Zu einem Kollegen murmelte ich nur: „Das muss hier die Hölle gewesen sein.“ Eine Passantin, die neben uns stand, sagte dann plötzlich zu mir: „Sie wissen doch gar nicht, was die Hölle ist.“ Sie hätte die Hölle erlebt.

Und dann? 

Wegner: Ich kam mit ihr ins Gespräch und sie erzählte mir von ihren Teufelsaustreibungen. Nun wollte ich herausfinden, ob es sich hierbei um einen regionalen Einzelfall handelt. Ich begann deutschlandweit zu recherchieren und musste feststellen, dass es sich bei meiner Zufallsbegegnung keinesfalls um einen Einzelfall handelte. Das Thema hat mich danach nicht mehr losgelassen. Seit Jahren stehe ich nun bei der ARD regelmäßig als Exorzismus-Experte vor der Kamera.

Im Dezember starb eine Frau bei einer Teufelsaustreibung in einem Hotel in Frankfurt. Das ist der letzte bekannte Fall in Deutschland. Wie häufig kommt es zu Austreibungen? 

Wegner: Das war nicht die erste Exorzismustote in Deutschland zu meinen Lebzeiten und wird es auch nicht bleiben. Am Tag kommt es in Deutschland derzeit zu fünf bis sechs Exorzismen. Diese werden bei fast allen Religionen und Konfessionen ausgeführt. Nach katholischem Ritual sind es jedoch nur täglich etwa ein bis zwei.

Wer ist bei der Teufelsaustreibung führend? 

Wegner: Am stärksten wird in protestantischen Kreisen exorziert, etwa drei bis vier pro Tag, vor allem durch die Freikirchen. Der Bedarf solcher Austreibungen wächst übrigens immer dann, wenn mal wieder der Film „Der Exorzismus von Emily Rose“ im Fernsehen läuft.

Wie wird das statistisch denn erfasst?

Wegner: Es gibt keine offizielle Statistik. Niemand würde damit an die Öffentlichkeit gehen. Die Statistik führen die Teufelsaustreiber selbst, die Kontakte zu ihnen habe ich mir über Jahre aufgebaut. Ich selbst war bei weit über 100 solcher Austreibungen dabei. Neulich noch in der Nähe von Limburg - die würden das dort natürlich nie offiziell bestätigen. Die Kirchenfürsten fürchten die offizielle Auseinandersetzung mit dem Thema Exorzismus.

Was haben Sie dabei erlebt? 

Wegner: Die Rituale sind unterschiedlich. Einige stehen wirklich da in violetter Stola, bewaffnet mit Kreuz und Weihwasser und fordern Satan auf, den Körper des Besessenen zu verlassen. Einige der vermeintlich Besessenen sprechen dann wirklich mit tiefer, verstellter Stimme. Das ist schon gruselig. Selten kommt es zu paranormalen Phänomenen. Viele Exorzismen verlaufen aber sehr ruhig und friedlich. Die vermeintlich Besessenen atmen eventuell nur tiefer während des Rituals.

Glauben Sie, dass die Teufelsaustreibung funktioniert? 

Wegner: Natürlich. Exorzismus ist eine Art „psychotherapeutischer Schonwaschgang“. Die Wirkung ist überprüfbar: Betroffene fühlen sich danach kurzzeitig besser.

Woran liegt das?

Wegner: Meist haben vermeintlich Besessene einen Hintergrund in Form von sexuellem Missbrauch oder verdrängten sexuellen Wünschen. Die müssten sich eigentliche einer Therapie unterziehen. Das „Besessensein“ der Betroffenen ist ein Alibi: Jedes unangepasste, verpönte Verhalten kann mit dem Teufel gerechtfertigt werden. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes der „Sündenbock“. Allerdings habe ich noch keinen Teufel gesehen.

Zur Person 

Marcus Wegner, Jahrgang 1971, hat Kommunikationswissenschaften / Journalismus, Germanistik und Philosophie studiert. Vor 13 Jahren begann er, zum Thema Exorzismus in Deutschland zu recherchieren. Die Ergebnisse veröffentlichte der Journalist unter anderem in einem einstündigen Radiofeature im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks. 2009 veröffentlichte Wegner das Buch: „Exorzismus heute - der Teufel spricht Deutsch“.

Der Fall aus Frankfurt

Eine 41-jährige Südkoreanerin it am 5. Dezember 2015 bei einer mutmaßlichen Teufelsaustreibung in einem Hotelzimmer in Frankfurt getötet worden. Mehrere Verwandte, darunter ihr 15 Jahre alter Sohn, sollen die Frau über Stunden an ein Bett gefesselt und auf den Bauch und den Brustkorb geschlagen haben.

Als Grund gaben sie an, die Frau sei vom Teufel besessen gewesen. Um die Schreie der Frau zu unterdrücken, stopften sie ihr ein Handtuch und einen Kleiderbügel in den Mund. Die 41-Jährige erstickte. Fünf Menschen wurden wegen Mordverdachts festgenommen. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen.

Stichwort: Exorzismus

Unter Exorzismus wird in vielen Religionen und Kulturen die rituelle Vertreibung böser Geister aus Menschen, Tieren oder Gegenständen verstanden. In der katholischen Kirche war der Exorzismus von Besessenen im Mittelalter beispielsweise gang und gäbe. Grundsätzlich ist ein Exorzismus auch heute in der katholischen Kirche möglich, teilte Christof Ohnesorge Pressesprecher des Bistums Fulda auf Anfrage mit. Hierzu wurde im Jahr 1999 eigens ein römisches Ritual vom Papst erlassen, wonach medizinische und psychologische Experten als Mitwirkende vorgeschrieben sind. Die evangelische Kirche ist zurückhaltender. Sie glaube nicht daran, dass es Besessenheit durch Teufel gibt, sondern „ dass Menschen von Gottes gutem Geist getragen sind,“ so eine Sprecherin. 

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