Ziehen Gasfracker selbst zurück?

Vorerst kein Fracking in Nordhessen: Anweisung von Umweltministerin

Wiesbaden/Kassel. Spektakuläre Entwicklung in Sachen Erdgas-Fracking: Hessens CDU-Umweltministerin Lucia Puttrich hat das Regierungspräsidium Darmstadt angewiesen, aktuell einen Suchantrag der kanadischen Firma BNK, die Gasvorkommen unter Nordhessen aufspüren möchte, nicht zu genehmigen.

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Das berichteten mehrere Landtagsabgeordnete von SPD und Grüne am Rande der Sitzung des Umweltausschusses in Wiesbaden. Ohne Suchgenehmigung dürfte natürlich auch nicht gebohrt und schon überhaupt nicht gefrackt werden. Der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Timon Gremmels nannte diesen Schritt „überfällig“. „Wir begrüßen ausdrücklich, dass die Landesregierung unserer Forderung jetzt nachkommt und eine Erlaubnis zu Aufsuchung mittels Fracking nicht erteilt werden wird. Der heutige Tag ist ein guter Tag für die Mensch und Umwelt in Nordhessen.“ Ähnlich äußerte sich die Grünen-Abgeordnete Angela Dorn. "Das kann nur Rückzug von BNK bedeuten!"

Ein Sprecher des Umweltministeriums bestätigte vor wenigen Minuten die Anweisung Puttrichs. Man habe das RP Darmstadt gebeten, in eine irgendwann ergehende Entscheidung des BNK-Antrags die Bedenken gegen Fracking der hessischen Fachbehörden einzuarbeiten. Auch die sich daraus ergebenden Zweifel an der Wirtschaftlichkeit einer Gasförderung in Nordhessen seien zu berücksichtigen.

Auch ein juristisches Gutachten, das am Donnerstag in Wiesbaden ebenfalls präsentiert wurde, sieht angesichts breiter Proteste in der Region das BNK-Vorhaben kritisch: Die Studie der Uni Marburg gehe davon aus, dass schon die jetzt beantragte bloße Suche nach Gasvorkommen auf 5200 Quadratkilometern in Nordhessen untersagt werden könne, wenn von vornherein klar sei, dass am Ende tatsächlich nur ein kleiner Teil davon als ausbeutungsfähig übrigbleibe, sagte der Ministeriumssprecher.

Ziehen Gasfracker selbst zurück?

Für Henner Gröschner, Sprecher der BI Frackingfreies Hessen, war der Donnerstag ein guter Tag. Keine Genehmigung zur Erdgassuche in Nordhessen, damit kein Fracking mehr in Sicht, lautete die Nachricht aus dem Wiesbadener Landtag: „Gemeinden, Landkreise, die empörten Bürger, Parteien, die Situation vor der Wahl und eine zum Schluss besonnene Umweltministerin haben diese Entscheidung ermöglicht“, sagte Gröschner zur Ansage von Hessens CDU-Umweltministerin Lucia Puttrich, derzeit keine Erdgassuche in Nordhessen zu genehmigen.

Das war noch kein Nein mit Brief und Siegel. Gutachten, die das Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) und Juristen der Uni Marburg zugeliefert haben, machen die Ablehnung des Antrags der kanadischen Gasfirma BNK aber wahrscheinlich. Oder den freiwilligen BNK-Rückzug vom Suchgebiet Adler-South - wie in Thüringen geschehen.

Das HLUG hat scharfe Auflagen und Kontrollen für das Fracking gefordert, bei dem große Mengen Wasser mit Chemiezusätzen und Sand in Bohrlöcher gepresst werden. Das soll Risse ins Tongestein sprengen und dort eingeschlossenes Gas zum Bohrloch fließen lassen. Das HLUG hat zudem die 5200 Quadratkilometer, auf denen BNK Schiefergas suchen wollte, deutlich kleingeschrumpft.

• Der Reinhardswald-Zierenberg-Nethe-Schollenkomplex nördlich Kassels ist aus Geologensicht der einzige Bereich, der Schiefergas verspricht. Die Barriere nach oben zum Schutz des Grundwassers wäre dick genug. Zieht man Tabuflächen ab, blieben aber nur gut 10 Prozent der 5200 Quadratkilometer.

• Die Frankenberger Scholle (südlich Frankenbergs), der Korbach-Arolsener-Schollenkomplex (ein Streifen über den Twistesee und Waldeck bis Schwalmstadt) scheiden eher aus. Auch im Rheinischen Schiefergebirge (ab Willingen entlang der Landesgrenze und mit einer dicken Spitze bis in den Schwalm-Eder-Kreis), im Istha-Emstaler-Schollenkomplex (nördlich von Fritzlar), in der Niederhessischen Senke (Raum Fritzlar/Homberg), sowie der Fuldalauf-Tiefscholle (zwischen Kassel und Melsungen) rät das HLUG vom Gasbohren ab.

 Deckschicht oder Barriere unter dem Grundwasser nicht stark genug, Konflikte mit Heilquellen-, Trink- und Grundwasserschutz, Gebiet zu klein, lauten Einwände.

Zu wenig zu fördern, sprich zu verdienen, kritische Einwände der Fachbehörden, breite Ablehnung in Nordhessen - alles zusammen lässt Ministerin Puttrich abwinken.

Die politische Mehrheit im Landtag weiß sei hinter sich. Und juristisch, das hat sie von Gutachtern bestätigt, dürfte dieses dicke Paket von Einwänden reichen, die Suche auch mit Brief und Siegel abzulehnen. Puttrichs Fazit: „Fracking in Nordhessen ist weder umweltverträglich noch wirtschaftlich darstellbar.“ Von BNK war keine Stellungnahme zu erhalten.

Von Wolfgang Riek

Rubriklistenbild: © dpa

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