Interview mit Dr. Ronja Kempin

Frankreich-Expertin: Gescheiterte Integration ist eine der Ursachen für Terror

+
Frankreich unter Schock: Eine Frau weint, als sie Blumen zum Gedenken an die Opfer an der Promenade des Anglais in Nizza ablegt. Auf der Flaniermeile kamen am Donnerstagabend über 80 Menschen bei dem terroristischen Anschlag mit einem Lkw ums Leben.

Der neue Anschlag in Frankreich mit mindestens 84 Toten hat weltweit Entsetzen ausgelöst.

Ein 31-Jähriger Franko-Tunesier war am Nationalfeiertag mit einem Lastwagen gezielt in eine feiernde Menschenmenge in Nizza gerast.

Über den Terrorismus in Frankreich sprachen wir mit Dr. Ronja Kempin. Sie ist Frankreich-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Warum trifft es immer wieder Frankreich? 

Ronja Kempin: Das hat mehrere Gründe. Erstens ist Frankreich im internationalen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus aktiv. Deswegen ist das Land im Umkehrschluss ein gefragtes Ziel für Anschläge. Es liegt geographisch günstiger, weil näher an Nordafrika und am Nahen Osten, als Großbritannien oder die USA. Zweitens war Frankreich eine Kolonialmacht. Es gibt viele Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft aus Nordafrika. Diese bringen muslimischen Hintergrund mit. Sie haben es mit ihren Pässen leicht, ein- und auszureisen, ohne Visa. Manche kehren radikalisiert vom IS zurück. Das ist in der Kritik, hat aber noch Bestand. Denn bei den Anschlägen im November waren zwei radikalisierte Syrer unter den Tätern.

Gab es nicht auch innenpolitische Versäumnisse? 

Kempin: Die französische Regierung hat lange die Augen davor verschlossen, was in muslimischen Gemeinden vor sich geht, also in Sachen Radikalisierungsprozessen. Das liegt daran, dass sich der französische Staat nicht in religiöse Belange einmischt. Zudem befindet sich das Land in wirtschaftlicher Schieflage. Das Entscheidende: 46 Prozent der 16- bis 24-jährigen Migranten sind arbeitslos. Perspektivlosigkeit ist Nährboden für Radikalisierung. Zudem sind die nationalen Geheimdienste schlecht koordiniert. Es gibt viele, sie sind nicht gut abgestimmt. So entstehen gefährliche Informationslücken.

War die Integrationspolitik in Frankreich ungenügend? 

Kempin: Es gibt auf jeden Fall Nachholbedarf. Einwanderer in dritter Generation haben immer noch keine Arbeit und sind nicht gut in die Gemeinschaft integriert. Deswegen hat sich eine Parallelgesellschaft gebildet. Das Problem ist, dass Frankreich immer davon ausging, dass die Werte der eigenen Republik - Freiheit und Gleichheit aller - so gewählt sind, dass jeder ihnen folgt. Man hielt aktive Integration nie für nötig.

Hat die Regierung aus den Anschlägen im November die richtigen Schlüsse gezogen? 

Kempin: Es hat sich einiges verbessert. Die meisten hätten sicherlich einen Anschlag in Paris erwartet, zum Beispiel bei der EM. Doch selbst in Nizza gab es seit November drei große Übungen, um sich auf Terroranschläge vorzubereiten. Nizza hatte vier EM-Spiele, im Februar den drittgrößten Karneval der Welt, und auch am Donnerstag waren 1800 Sicherheitsbeamte zum Nationalfeiertag in der Stadt. Bis zu den Anschlägen im November war die Sicherheitspolitik in Sachen Terrorismus allerdings nicht so gut.

Wieso ist es trotz hohen Polizeiaufgebots wieder passiert? 

Kempin: Den Anschlag einer Einzelperson - mit einfachsten Mitteln wie einem Lkw - kann man nicht verhindern.

Ausgerechnet am Feiertag. 

Kempin: Das folgt einer doppelten terroristischen Logik. Der Anschlag richtet sich gezielt gegen die Werte der Republik und die Errungenschaften der französischen Revolution. Dazu kommt, dass Präsident Francois Hollande am Donnerstagmorgen gesagt hat, man habe die Lage im Griff und der Ausnahmezustand wegen Terrorismus-Gefahr könne aufgehoben werden. Sollte sich bestätigen, dass der Täter in Nizza islamistisch motiviert war, hätte das eine sehr dramatische Note. Denn das würde zeigen, dass es möglich ist, in Frankreich binnen zwölf Stunden einen Terroristen zu aktivieren.

Was muss nun geschehen im Kampf gegen den Terrorismus? 

Kempin: Die EU-Staaten sind gefragt, Frankreich aktiver zu helfen - und nicht wieder nur verbal. Grenzkontrollen und der Kampf gegen illegalen Waffenhandel sind nur gemeinsam zu lösen. National ist es schwer, derlei Probleme in den Griff zu kriegen. Frankreich hat 10 500 Soldaten im eigenen Land im Kampf gegen den Terrorismus im Einsatz. Mehr ist kaum möglich, denn viele sind auch noch in Syrien und Nordafrika eingesetzt.

Zur Person

Dr. Ronja Kempin (42) ist in Wabern-Hebel im Schwalm-Eder-Kreis aufgewachsen. Sie studierte Politikwissenschaften in Marburg, Rennes, Paris und Berlin. Mittlerweile ist Kempin Frankreich-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und berät die Bundesregierung in außenpolitischen Fragen. Zu ihren Fachgebieten zählen Terrorismus, Integration, Sicherheits- und Verteidigungspolitk in Frankreich.

Lesen Sie auch:

Multimedia-Reportage zum Anschlag von Nizza: Reaktionen aus den sozialen Netzwerken

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.