„Freiheit, sich zu entscheiden“ - Interview zum bedingungslosen Grundeinkommen

Sascha Liebermann

Der Traum vom Lohn ohne Arbeit: Diese Idee findet Anhänger bei Rechten wie Linken und hat prominente Fürsprecher. Wir sprachen darüber mit Sascha Liebermann, einem der Pioniere dieses Zukunftskonzepts.

Herr Liebermann, worum geht es bei dem „bedingungslosen Grundeinkommen“?

Sascha Liebermann: Wir treten für ein garantiertes Einkommen von der Wiege bis zur Bahre ein - für jeden Staatsbürger und Personen mit dauerhafter Aufenthaltsberechtigung, Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Wir können es auch als Bürgereinkommen bezeichnen, denn die Gemeinschaft der Staatsbürger ist sein tragendes Fundament.

Wie hoch sollte dieses Grundeinkommen Ihrer Meinung nach sein?

Liebermann: Es soll ermöglichen, sich frei zu entscheiden, was der Einzelne mit seinem Leben anfangen möchte. Es muss also so hoch sein, dass er davon sein Auskommen hat und am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen kann, das ist die Mindestforderung.

Worin lägen die Vorteile eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens?

Zur Person

Dr. Sascha Liebermann (42), Mitbegründer der Initiative „Freiheit statt Vollbeschäftigung“ (2003), die sich für eine öffentliche Diskussion um ein Grundeinkommen einsetzt. Der in Witten lebende Soziologe ist gegenwärtig wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum.

Liebermann: Wer nicht des Einkommens wegen arbeiten muss, wie heute, wird sich für das entscheiden, was er gut kann. Falls er seine Neigungen und Fähigkeiten noch nicht kennt, hat er mit einem bedingungslosen Grundeinkommen die Freiräume herauszufinden, wo diese liegen. Damit steigt die Chance, dass jeder dem nachgeht, was er für wichtig und richtig erachtet und sei es, dass er sich die Auszeit nimmt, die er benötigt. Eine Arbeitspflicht hingegen drängt die Menschen in etwas Bestimmtes hinein. Was ist schon „Arbeit“ - die Sorge um die eigenen Kinder, die Pflege von Verwandten, politisches Engagement, Ehrenamt, Erwerbstätigkeit? Alle sind gleichermaßen unerlässlich für unser Gemeinwesen, aber nur Erwerbstätigkeit erkennen wir an.

Inwiefern fördert dies die Freiheit?

Es schafft Freiräume, die dann genutzt werden können. Das Grundeinkommen gibt keinen Lebensinhalt vor, der Einzelne muss ihn selbst bestimmen. An unserer Misere sind wir selbst schuld, man denke hier nur an "Hartz IV", die Bologna-Reformen an den Universitäten und die absurde Debatte darüber, dass angeblich die einen auf Kosten der anderen leben. In einem Gemeinwesen leben immer alle auf Kosten aller, indem sie auf deren Loyalität als Bürger zum Gemeinwesen setzen und letztlich immer Leistungen in Anspruch nehmen müssen, die sie nicht selbst erbringen. Freiheit setzt Vertrauen voraus, das haben wir zu wenig.

Welche neuen Rechte hätten die Bürger, welche neuen Pflichten? Auch die Pflicht zur Arbeit?

Im wesentlichen diejenigen, die wir schon heute haben. Die Bürger haben die Verpflichtung, sich an der Willensbildung zu beteiligen, gemeinschaftliche Entscheidungen loyal zu tragen. Das ist aber eine Verpflichtung, eine Verantwortung, die nicht justiziabel ist. Wer sich nicht beteiligt, wer nur passiv Entscheidungen erduldet, wird nicht sanktioniert. Loyalität ist eben nicht erzwingbar, wir können ohne sie aber nicht bestehen. Ein Gemeinwesen muss sich also darauf verlassen, dass die Bürger ihm etwas freiwillig gegeben, das für es unerlässlich ist. Freiwilliges Mitwirken erzwingen zu wollen, führt zum Gegenteil dessen, was man erreichen will.

Was bedeutet das für die heutigen Formen der Erwerbsarbeit?

Liebermann: Erwerbsarbeit ist dort produktiv, innovativ, wo jemand mit Herzblut bei der Sache ist, wo er sich mit dem identifiziert, was er macht. Das reicht bis in sogenannte einfache Tätigkeiten, die verlässlich ausgeführt werden müssen. Das Grundeinkommen erhöht die Chancen, dass jemand etwas findet, das ihm gemäß ist. Heute stehen wir vor dem Problem, dass an einem Arbeitsplatz womöglich nur festgehalten wird, um Einkommen zu erzielen, die Folge ist, es wird nicht mehr gemacht als nötig oder sogar weniger. Für jedes Unternehmen bedeutet das schleichenden Stillstand, aber auch für uns als Gemeinwesen. Arbeitsplätze sind kein Selbstzweck, entscheidend ist, was dabei hervorgebracht wird.

Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt werden kann?

Liebermann: Die, auf deren Basis wir heute schon zusammenleben, über die wir uns aber wenig im Klaren scheinen: loyale Bürger, die allerdings ihre Möglichkeiten zur Einmischung heute zu wenig nutzen; eine politische Ordnung, die die Bürger schützt und zugleich deutlich macht, dass es die Freiheit der Bürger nicht ohne das Gemeinwesen geben kann. Die Bereitschaft, in vielfältigen Formen an der Bewältigung gemeinschaftlicher Aufgaben mitzuwirken.

Ist die Einführung eines solchen Grundeinkommens in den Zeiten der Krise nicht utopisch?

Liebermann: Betrachtet man die gegenwärtige Krise als Sinnkrise, dann stellt sie an uns die Frage: Wozu das alles, was ist der Zweck des Wirtschaftens, wie wollen wir zusammenleben und wie soll es weiter gehen? Gerade die Krise fordert von uns eine Antwort, die nur lauten kann: Wir benötigen Entscheidungen, die dem Gemeinwesen und den Bürgern dienlich sind, und nicht solche, die fortsetzen, was zur Krise geführt hat. Eine der Antworten ist das Grundeinkommen.

Wie teuer würde die Einführung eines solchen Grundeinkommens, und wer soll das wie finanzieren?

Liebermann: Finanzieren müssen wir es als Gemeinwesen über Steuern und Abgaben. Wie das genau aussehen soll, darüber benötigen wir eine öffentliche Debatte. Es gibt Vorschläge, dazu die Mehrwert- oder Verbrauchsbesteuerung entsprechend zu erhöhen und die Einkommensbesteuerung abzusenken bzw. gar ganz auf sie zu verzichten von Benediktus Hardorp und Götz W. Werner. Die halte ich für sehr interessant. Zusätzlich aufbringen müssen wir nur die Finanzierung derjenigen Einkommen, die heute unter dem Grundeinkommen liegen, das wir erreichen wollen. Eine Folge des Grundeinkommens wäre ja auch, dass Einkommen sich anders zusammensetzen als heute, d.h. jeder hätte schon ein Grundeinkommen und jedes Einkommen darüber hinaus würde dazuaddiert und nicht angerechnet. Es könnte also sein, dass zwar Löhne niedriger wären als heute, das Einkommen aber dennoch höher, da Grundeinkommen und Lohn addiert werden.

Von Detlef Sieloff

• Vortrag: Am Freitag, 11. Juni, ist Sascha Liebermann in Kassel zu Gast. Sein Vortrag mit dem provokanten Titel: Freiheit statt Vollbeschäftigung - warum ein bedingungsloses Grundeinkommen nötig ist“ beginnt um 19.30 Uhr im Anthroposophischen Zentrum, Wilhelmshöher Allee 261.

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