Salafismus als Zufluchtsort

Ein Fünftel der IS-Anhänger sind Frauen – auch aus Nordhessen

Ein Fünftel der IS-Ausreisenden sollen Frauen sein. Von dieser Zahl geht das Landeskriminalamt aus. Foto: dpa

Wiesbaden. Nicht nur Männer machen sich aus Deutschland auf den Weg, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen. In etwa jedem fünften Fall reist eine Frau nach Syrien.

Ein anderes Ziel ist der Irak, wie das hessische Innenministerium schätzt.

Bei 130 Fällen, die in Hessen bekannt seien, würde dies etwa 25 Frauen ausmachen, die in den Krieg zogen. Doch wie lässt sich ihre Radikalisierung verhindern? Experten diskutierten diese Frage jetzt auf einer Tagung mit dem hessischen Landeskriminalamt (LKA).

Die Zahl der Ausreisen von Frauen in Hessen liege im bundesweiten Trend, wie das LKA berichtet: Demnach gab es seit 2013 etwa 800 Ausreisen – darunter rund ein Fünftel von Frauen. Auch in Kassel werben die Salafisten aggressiv um junge Frauen. Das haben bereits Anfang Januar Experten vom Violence Prevention Netzwerk (VPN) in Frankfurt im Beisein von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) berichtet.

Eine genaue Zahl von Ausreisen ist nicht bekannt – weder für Frauen noch für Männer. Ein Betroffener aus Kassel spricht davon, dass allein aus Kassel 40 Personen nach Syrien gegangen sein sollen, um sich dort dem IS anzuschließen. Das LKA hatte die Zahl 2015 auf unter 40 Personen aus Nordhessen geschätzt. Zumindest eine junge Frau aus Baunatal befindet sich nach Informationen unserer Zeitung noch in Syrien. Sie war im Herbst 2014 ausgereist.

Experten erklären die Anziehungskraft der Extremisten auf Frauen damit, dass Frauen in der muslimischen Welt generell rechtlich und sozial deutlich schlechter gestellt sind als Männer. Das gelte teils auch für Migrationsfamilien in Deutschland, sagt die Ethnologin Susanne Schröter von der Goethe-Universität Frankfurt. Dort erlebten Frauen etwa, dass ihre Brüder Freundinnen hätten oder rauchten, sie hingegen dürften das nicht. Von einer salafistischen Gemeinschaft versprächen sich die Frauen einen für sie ungekannten Freiraum und die Chance auf religiöse Bildung, erklärt Schröter. Sie könnten politisch aktiv werden, eigene Korankurse veranstalten und eigene Feste feiern.

Imam Husamuddin Meyer, der sich um IS-Rückkehrer in Hessen kümmert, sieht im Gespräch mit unserer Zeitung vor allem Frauen zwischen 15- und 20 Jahren gefährdet. „Es hat viel mit falschen romantischen Vorstellungen zu tun“, sagt Meyer, der Deutscher ist und zum Islam konvertierte. Die Frauen glaubten, sie heirateten einen hübschen Krieger, dem man zu Diensten ist. Dahinter stecke die Propaganda des IS. Motivation könne auch sein, der Enge der Familie zu entfliehen oder sich abzusetzen, etwa weil sie sich als Konvertiten in Deutschland nicht wohlfühlten. Das böse Erwachen käme dann später.

Das Land Hessen will der Radikalisierung entgegenwirken und setzt dabei auch auf den interdisziplinären Austausch von Experten: Eine Fachtagung, die heute in Wiesbaden fortgesetzt wird, soll Behördenmitarbeitern, Polizisten, muslimischen Verbänden und Flüchtlingshelfern Einblicke in die Motive der Frauen geben. (mit dpa)

Von Max Holscher und Ines Klose

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