Während der NS-Herrschaft

Gedenken an Morde in Hadamar: Gaskammer war als Dusche getarnt

Hadamar
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Ein Kellergewölbe in der Gedenkstätte Hadamar.

Hadamar/Kassel. In Hadamar wurden in den letzten vier Jahren der NS-Herrschaft fast 15.000 Menschen ermordet, viele von ihnen waren psychisch krank. Auf dem Gelände der damaligen Tötungsanstalt wird seit Jahrzehnten dieser Verbrechen gedacht.

Aus dem Schicksal von Gisela von Rutkowski hat ihre Familie lange Zeit ein Geheimnis gemacht. „Es gab immer mal so Andeutungen, sie sei noch nicht mal von Onkel Lothar, dem SS-Sturmbannführer, geschützt worden“, erinnert sich der Künstler Horst Hoheisel aus Kassel. Die psychisch erkrankte Frau war im Alter von 26 Jahren in der Tötungsanstalt in Hadamar bei Limburg ermordet worden. In einer Gaskammer, als Dusche getarnt. Auch dieser Ort ist heute eine Gedenkstätte.

Vor 60 Jahren wurde in Hadamar erstmals offiziell der insgesamt fast 15.000 Opfer gedacht - das angebrachte Steinrelief war das erste Mahnmal für NS-Euthanasie-Opfer in Deutschland. Vor drei Jahrzehnten wurde in dem Gebäude die Gedenkstätte Hadamar mit einer Ausstellung eröffnet. Bereits 1964 war der benachbarte Friedhof mit den Massengräbern in eine Gedenkstätte umgewandelt worden.

Jährlich kommen etwa 16.000 Besucher. „Es könnten locker 4000 mehr sein. Aber es ist bei uns einfach eng. Und wir haben auch zu wenig Mitarbeiter“, erklärt der Leiter Georg Lilienthal. Die Besucher können unter anderem den Keller mit der Gaskammer besichtigen und die Ausstellung sehen, in der auch der Leidensweg mehrerer Opfer dokumentiert ist. Auch im heutigen Ausstellungsraum sind viele Menschen ermordet worden. „Das wusste man aber bei der Ausstellungseröffnung noch nicht. Und jetzt fehlt uns ein anderer geeigneter Raum“, sagt Lilienthal.

Das Morden in Hadamar hatte am 13. Januar 1941 begonnen, zuvor war das Gebäude eine Heil- und Pflegeanstalt gewesen. An diesem Tag wird in Hadamar jährlich eine Gedenkfeier veranstaltet. Die Menschen wurden von anderen Anstalten mit grauen Bussen abgeholt und in einem engen Kellerraum in Hadamar mit Kohlenmonoxyd vergast.

Die ehemalige Gaskammer im Keller.

Gisela von Rutkowski kam am 13. Juni 1941 hier an, zuvor war sie in Marburg und in Weilmünster gewesen. Sie wurde gewogen, vermessen und fotografiert. Ein Arzt suchte eine offizielle Todesursache für sie aus. Dann musste die Frau die Stufen in den Keller mit der niedrigen Decke hinabsteigen, in den auch heute nur etwas Tageslicht durch die kleinen Fenster fällt. Mit anderen Menschen - zeitweise wurden vermutlich bis zu 70 Opfer in die zwölf Quadratmeter große Kammer gedrängt - atmete sie das giftige Gas ein. Rutkowskis Leiche wurde in einem der beiden Öfen verbrannt.

Etwa 70 Jahre später stand Hoheisel an dem Ort, an dem die Cousine seiner Mutter ermordet worden war. Um an sie und die anderen Euthanasie-Opfer zu gedenken, hat er gemeinsam mit anderen Künstlern das mobile „Denkmal der grauen Busse“ entworfen, das derzeit in Kassel zu sehen ist.

Mit seiner Verwandten hat er sich viel beschäftigt. Er hat sich ihre Krankenakte besorgt und vor fünf Jahren auch die Gedenkstätte Hadamar wegen weiterer Informationen angeschrieben - dort gehen jährlich 300 ähnliche Anfragen ein. Hoheisel erfuhr auch, dass der Bruder von Gisela von Rutkowski - Sturmbannführer und Arzt - nichts zu ihrer Rettung unternommen und erzählt hatte, sie sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Hoheisels Wunsch: „Ich hätte gerne, dass im Keller von Hadamar eine Glasscheibe mit allen Namen der Opfer angebracht wird.“ Doch derzeit wird erstmal das Dachgeschoss ausgebaut, um mehr Platz zu schaffen. Außerdem soll im Jahr 2014 die betagte Dauerausstellung neu konzipiert werden. (lhe)

Hintergrund: Tötungsanstalt für behinderte und kranke Menschen

Hadamar war eine von sechs Tötungsanstalten, in denen während des Dritten Reichs vor allem behinderte und psychisch erkrankte Menschen, die als „lebensunwert“ galten, ermordet wurden. Diese Morde wurden von den Tätern als „Euthanasie“, also als Gnadentod bezeichnet.

Im Jahr 1941 wurden im Keller in Hadamar innerhalb von acht Monaten 10.072 Menschen vergast und anschließend verbrannt, die meisten von ihnen waren psychisch krank. Nach Protesten aus der Bevölkerung stellten die Nazis dies zwar ein, nach etwa einem Jahr ging das Morden auf unauffälligere Art jedoch weiter.

Der ehemalige Sektionsraum im Keller.

Von 1942 bis 1945 starben in Hadamar etwa 4500 Menschen, darunter auch Zwangsarbeiter und sogenannte „Mischlingskinder“ mit einem jüdischen Elternteil. Auch Säuglinge waren unter den Opfern. Wer nicht nach kurzer Zeit verhungerte oder an mangelnder medizinischer Versorgung starb, dem wurden absichtlich überdosierte Medikamente verabreicht. Kaum einer überlebte länger als zwei Wochen.

Die Leichen wurden in insgesamt 400 Massengräbern auf einem als Friedhof getarnten Feld verscharrt. Für die Angehörigen der Opfer wurden Einzelgräber und -beerdigungen mit einem immer wiederverwendeten Sarg vorgetäuscht.

Das Strafverfahren wegen der Morde an den insgesamt 15.000 Menschen wurde im Jahr 1947 vor dem Frankfurter Landgericht geführt. Die beiden Ärzte wurden zum Tode verurteilt, die Pfleger erhielten wegen Beihilfe Haftstrafen zwischen zwei und acht Jahren. (lhe)

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