Zahl der körperlichen Misshandlungen gestiegen

Gewalt gegen Kinder oft versteckt - Fragen und Antworten zur Kriminalstatistik

Verängstigtes Kind: Die Zahl körperlich misshandelter Jungen und Mädchen ist im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent auf 4233 Kinder gestiegen – fast die Hälfte war höchstens fünf Jahre alt. Foto: dpa

Kinder sind besonders schutzbedürftig. Doch das Ausmaß der Gewalt gegen Minderjährige in Deutschland ist nach wie vor erschreckend.

Laut aktueller Kriminalstatistik werden jede Woche zwei Kinder getötet und pro Tag fast 40 sexuell misshandelt. Fragen und Antworten dazu.

Welche Trends lassen sich beobachten?

Laut Statistik kamen im vergangenen Jahr 108 Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung ums Leben. Das ist ein Rückgang um fast 30 Prozent gegenüber 2013. Fast 75 Prozent der Todesopfer waren jünger als sechs Jahre. Gleichzeitig ist die Zahl der körperlich Misshandelten um 4,5 Prozent auf 4233 gestiegen. Fast jedes zweite Opfer war höchstens fünf Jahre alt.

Wie sind die Zahlen bei sexueller Misshandlung? 

Rund 14 400 Kinder wurden Opfer sexueller Übergriffe – rund 3,2 Prozent weniger als 2013. Hier war mehr als jedes zehnte Kind jünger als sechs Jahre. Die Dunkelziffer dürfte allerdings höher liegen. Denn oft vollzieht sich Gewalt gegen Kinder im Verborgenen.

Was sagt die Statistik über Kinderpornographie? 

Der Besitz und die Verbreitung von kinderpornografischem Material ist zwar um knapp 1,5 Prozent zurückgegangen. 2014 wurden 6594 Fälle registriert. Angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema – erinnert sei an die Affäre um den Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy – ist das jedoch kein Trost. Zumal die Zahl der Fälle im Jahr 2012 mit 5747 ein deutlich niedrigeres Niveau aufwies.

Wie ist die Entwicklung insgesamt zu bewerten? 

Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, sieht in der wachsenden Zahl der registrierten Fälle von Misshandlungen auch einen Ausdruck erhöhter Wachsamkeit im persönlichen Umfeld der Opfer. Die Bereitschaft, solche Delikte anzuzeigen, steige. Insofern komme „mehr und mehr das wahre Ausmaß“ ans Tageslicht.

Gibt es Fortschritte bei der Bekämpfung von Kinderpornografie? 

Der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornographie bleibt nach Ansicht von Münch weiter ein „Massenphänomen“. Er verweist aber auch auf Fortschritte bei der Löschung einschlägiger Internetseiten. So würden automatisierte Verfahren entwickelt, um neue pornographische Bilder schneller erkennen zu können. Auch von der geplanten Einführung der Vorratsdatenspeicherung verspricht sich das BKA größere Fahndungserfolge. Dann ließen sich zum Beispiel die IP-Adressen von Kinderporno-Konsumenten besser feststellen.

Was wird politisch gegen Kindesmisshandlungen unternommen?

Nach Einschätzung der Koblenzer Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann ist der Rückgang der Anzahl getöteter Kinder ein Indiz dafür, dass sich das seit drei Jahren geltende Kinderschutzgesetz gut bewährt. Dadurch wird zum Beispiel der Einsatz so genannter Familienhebammen gestärkt, die Eltern auch nach der Geburt des Kindes professionell begleiten.

Sind die Behörden ausreichend ausgestattet? 

Unzureichend ist aus Beckmanns Sicht zumeist die finanzielle Ausstattung der kommunal organisierten Jugendämter. So muss sich etwa in Berlin-Mitte ein Jugendamtsmitarbeiter um rund 160 Familien kümmern, in Stuttgart liegt das Verhältnis dagegen bei 1: 20. Nicht alle Eltern bekämen demnach bedarfsgerechte Hilfe. Deshalb müsse die Finanzierung vom Bund übernommen werden, so Beckmann.

Sind schärfere Gesetze nötig?

Ja, sagt der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Das im vergangenen Jahr verschärfte Sexualstrafrecht geht dem Verband nicht weit genug. Ein einfacher Diebstahl werde immer noch härter bestraft als der Besitz von Kinderpornographie, klagt Becker.

Was schlägt Becker denn vor? 

Seine Forderung lautet, dass vorsätzliche Straftaten gegen Kinder mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr geahndet werden müssten. Außerdem fordert die Deutsche Kinderhilfe die Einsetzung eines Kinderschutzbeauftragten bei der Bundesregierung.

Von Stefan Vetter

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