Eine griffige Definition fehlt

Gibt es einen gerechten Lohn?

Elektriker: Sie verdienen bis zu 1990 Euro nach drei Jahren.

Werden Erzieherinnen in Deutschland schlecht bezahlt? Wie groß ist ihre Belastung im Job? Gibt es einen gerechten Lohn?

„Ökonomisch betrachtet gibt es keine Definition für gerechten Lohn“, sagt Hagen Lesch, Tarifexperte am Institut der Wirtschaft (IW) in Köln. In der Industrie verdienten Facharbeiter laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr durchschnittlich 3248 Euro brutto pro Monat. Dabei sind Zuschläge für Nacht- oder Sonntagsarbeit berücksichtigt, Sonderzahlungen hingegen nicht.

Im Dienstleistungssektor erhielt eine Fachkraft mit abgeschlossener Berufsausbildung 2803 Euro. Die Erzieherinnen in Kindergärten und Vorschulen (Kitas) schnitten mit durchschnittlich 2780 Euro durchaus gut ab, brutto ist es kaum weniger als Angestellte in Grundschulen, die auf 2907 Euro kamen.

In den höheren Qualifikationsgruppen fällt die Lohnspreizung allerdings größer aus: Ein Arbeitnehmer mit Fachkenntnissen oder Führungsaufgaben kam in der Industrie auf durchschnittlich 4526 Euro, im Dienstleistungssektor auf 4231 Euro, in den Schulen auf 4123 Euro, in Kitas aber nur auf 3774 Euro.

Die Abwägung, was wir als einen fairen Lohn ansehen, ist unter anderem Aufgabe der Verhandlungspartner vor Ort“, sagte der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann in der Zeitschrift Mitbestimmung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Seine Aufgabe sei es, zu klären, welche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind. „Es darf keiner Seite darum gehen, das Letzte herauszuholen“, sagt Thielemann.

Bruttogehälter im Überblick

Doch woher rühren diese Unterschiede? „In der Industrie ist eine freie Preisbildung am Markt möglich, die gibt es aber nicht bei Dienstleistungen“, sagt Lesch. Da wo keine „freie Preisbildung über den Markt möglich ist, ist der finanzielle Spielraum geringer“, ergänzt er. Letztlich geht es darum, wie der Markt oder eine Gesellschaft die Leistung bewerten. In der Industrie ist technologischer Fortschritt messbar. Eine Erhöhung der Entgelte in Kitas setzt das Einverständnis von Eltern voraus, mehr zu zahlen. Akzeptieren sie das? Kitas müssen für alle bezahlbar bleiben.

Lohnbildung orientiert sich stets an einer Referenzgruppe. Erst im Vergleich entsteht das Gefühl von gerechten Entlohnung. Wenn man die Durchschnittsgehälter verschiedener Berufe im öffentlichen Dienst vergleicht, stehen Erzieherinnen nicht schlecht da: Feuerwehrleute kommen auf 2586 Euro, Krankenschwestern auf 2668 Euro.

Aber um für einen Streik zu motivieren, braucht eine Gewerkschaft eine stärkeres Zugpferd. Folglich sucht die Gewerkschaft Ver.di eine Vergleichsgruppe in der Industrie. Gemessen an den Bruttogehältern dort kommen Erzieherinnen nur auf 86 Prozent.

Damit ist man bei der Kernfrage: Was ist einer Gesellschaft die Erziehung der Kinder, die Versorgung der Kranken und die Pflege der Alten wert?

In welchen Berufen wird Ihrer Meinung nach generell zu wenig bezahlt? Diskutieren Sie mit auf Facebook.

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- Kommentar zu Unterschieden beim Lohn

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