„Graben für Germanien“

„Graben für Germanien“: Archäologen und Nazis schufen einen Mythos

Bremen. Die Germanen gab es nicht. Trotzdem haben wir ein ganz konkretes Bild von ihnen. Die Nazis schufen damals den Mythos von den heldenhaften Kriegern. Wie Archäologen dazu beitrugen, zeigt eine Ausstellung in Bremen.

Die Nazis bewunderten die alten Germanen. Sie galten als kampfeslustige Krieger, mutige Eroberer und anderen Völkern kulturell weit überlegen - als Inbegriff einer blonden und blauäugigen Herrscherrasse, von der die Deutschen angeblich abstammten. Doch die Germanen haben in Wirklichkeit nie existiert. Sie sind ein Mythos, den die Ideologen im Dritten Reich gezielt verbreiteten, um ihre Eroberungspolitik zu rechtfertigen. Die Archäologie half dabei tatkräftig mit.

„Mit Archäologen verbinden viele eine Art Indiana Jones, also einen guten, heldenhaften Beschützer alter Schätze“, sagt die Direktorin des Bremer Focke-Museum, Frauke von der Haar. Doch in der NS-Zeit spielten diese ehrenwerten Wissenschaftler eine unrühmliche Rolle, wie die Ausstellung „Graben für Germanien. Archäologie unter dem Hakenkreuz“ von diesem Sonntag an zeigt. Sie stellten sich in den Dienst der Politik, untermauerten mit ihren Ausgrabungen die Nazi-Propaganda, beteiligten sich am Raub von Kulturgütern und setzten Zwangsarbeiter ein.

Dass die Funde von damals und vor allem ihre Interpretation mit Vorsicht zu betrachten sind, ist Fachleuten bekannt. „Die Archäologen haben die Stereotypen über die Germanen bewusst bedient oder sogar selbst in die Welt gesetzt“, sagt Landesarchäologin Uta Halle. Ein Volk, dass sich selbst so nannte, habe es jedoch nie gegeben. Mit der Ausstellung wollen sie und der Historiker Dirk Mahsarski die enge Verknüpfung von Archäologie und Politik jetzt erstmals umfassend einem breiten Publikum näher bringen. 750 Exponate haben sie dafür aus ganz Deutschland und Europa zusammengetragen.

Dem vorangegangen ist ein dreijähriges Forschungsprojekt, bei dem das Focke-Museum auch seine eigene Vergangenheit kritisch untersuchte - mit erstaunlichen Erkenntnissen. „Wir waren überrascht, wie stark die Germanen damals die Alltagswelt beherrschten“, sagt Mahsarski. Es gab Sammelbilder und Filme. Die wilden Kämpfer zierten Stundenpläne, waren Werbeträger für Brot oder Bier, und spektakuläre Funde wie die in Bremen entdeckten Urnen mit Hakenkreuzverzierungen schafften es auf die Titelseite von populärwissenschaftlichen Zeitschriften.

Viele Museen erstellten eigene Ausstellungen. Anschauungsmaterial lieferten die vielen Grabungen, die großzügig gefördert wurden. Meistens bekamen die Besucher aber nur Repliken von uralten Waffen und prächtigem Schmuck zu sehen. „Es lag den Nazis viel an einer großen Breitenwirkung“, sagt Museumsdirektorin von der Haar. Deshalb ließen sie Fundstücke vielfach kopieren und überall im Land präsentieren. Die Museen konnten diese sogar aus Katalogen bestellen.

Profiteure des Germanen-Hypes waren eindeutig die Archäologen. In den 30er Jahren schufen viele Universitäten neue Lehrstühle und wissenschaftliche Stellen. Wer für Germanien grub, bekam Geld und Prestige. Doch viele Archäologen trieb auch ihre Überzeugung an. Der Großteil von ihnen war Mitglied in der NSDAP oder anderen politischen Organisationen. „Es gab nicht wirklich Archäologen, die sich gegen die Vereinnahmung gewehrt hätten“, erläutert Mahsarski.

Vielmehr wurden die Wissenschaftler selbst zu Tätern, wie ein Schautisch in einem komplett in Schwarz gehaltenen Raum verdeutlicht. Mit großem Interesse verfolgten die Archäologen die Eroberung europäischer Gebiete. „Sie steckten wie auf einem Spielfeld lohnende Ausgrabungsziele oder bekannte Fundstücke ab“, sagt Mahsarski. In Tschechien hatten sie es zum Beispiel auf eine Venusfigur abgesehen, in Polen auf einen Altar in der Krakauer Marienkirche und in der Sowjetunion auf einen Helm, der bis heute verschollen ist.

Trotz dieser Verbrechen blieben die meisten Archäologen nach Kriegsende unbehelligt und konnten ihre Karrieren fortsetzen. Auch der von ihnen geschaffene Germanen-Mythos lebt heute weiter fort. Nicht nur die rechte Szene propagiert nach wie vor das Bild der heldenhaften Nordmänner, sondern alltägliche Dinge greifen dieses oft unwissend auf - wie das Bier „Goldener Germane“, Spielzeugfiguren von Germanen-Kriegern, mit Runen verzierte Kerzen, Weihnachtskugeln und Schmuck. Selbst in den Massenmedien tauchen einige der von den Nazis geschaffenen Vorstellungen immer wieder auf. (dpa)

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