"Haltungen abbilden, nicht nur Gefühle"

Geht Quote auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen über alles?

TV-Journalist und Autor Wolfgang Herles mahnt mehr Qualität und weniger Konzentration auf die Quote im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Ein Interview.

In Ihrem Buch gehen Sie mit ihrem früheren Arbeitgeber, dem ZDF, hart ins Gericht. Es gehe nur um Quote und das bedeute: Viel Fußball und viele Krimis.

Steht es um die Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender wirklich so schlecht? 

Wolfgang Herles: Natürlich ist die Qualität höher als bei den privaten Sendern. Aber das ist nicht der Maßstab. Der Auftrag lautet schließlich, den gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen. Diesen Auftrag haben die öffentlich-rechtlichen Sender völlig verraten.

Wie drückt sich das aus? 

Herles: Indem sie nur noch die Quote beachten. Das ZDF ist stolz auf seine Marktführerschaft. Allerdings bedenkt es dabei nicht den Preis: Die Anstalten vergessen ein ausgewogenes Programm zu bieten, das nicht nur der Quote hinterher hechelt.

Inwiefern kann die Quote überhaupt als Maßeinheit für ein „gutes Programm“ dienen?

Herles: Im Unterhaltungsbereich kann sie zu einem gewissen Teil aussagekräftig sein. Aber wenn Sie die Quote auf alles anlegen, also Kultur, Nachrichten, Politikmagazine, dann kommen Sie auf einen falschen Weg. Dann werden die Themen nicht danach ausgesucht, was relevant ist, sondern danach, was gefällt.

Das heißt, es gibt ein Programm, das der Mehrheit gefällt. Ist das zu kritisieren? 

Herles: Ja, denn es wird emotionalisiert, skandalisiert und boulevardesk berichtet. Am Ende produzieren ARD und ZDF ein Mainstream-Fernsehen, weil sie es für die vermeintliche Mehrheit der Zuschauer konzipieren. Meiner Meinung nach gab noch nie eine Zeit, in der die öffentlich-rechtlichen Sender so stark versuchten, immer möglichst allen gefallen zu wollen.

Wie drückt sich das im Programm aus? 

Herles: Das Programm wird thematisch schmal, weil immer dieselben Themen durchgekaut werden.

Das ist auch ein Problem der Politik und der großen Koalition, die ebenfalls „gefallsüchtig“ sind. Was fehlt dem Fernsehen? 

Herles: Dass unterschiedliche Meinungen und vor allem Haltungen abgebildet werden - und nicht nur Gefühle. Das ist verloren gegangen. Statt auf die Debatte zu setzen, bedient man sich der Emotionen. Es hat eine Seichtigkeitsspirale eingesetzt. Die Hauptangst ist, den Zuschauer zu überfordern. Denn das würde sich auf die Quote auswirken.

Welche Formate würden Sie sich wünschen? 

Herles: Wir brauchen keine neuen Formate, sondern müssen die alten nur wieder ernst nehmen: Zur besten Sendezeit eine Doku „Aldi gegen Lidl“ zu senden, anstatt zum Beispiel über Amerika gegen China im pazifischen Raum, das stimmt nicht mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag überein. Das ist angeblich verbrauchernah - das hat mit dem publizistischen Auftrag nichts zu tun. Im ZDF gibt es keine Wirtschaftssendungen mehr, sondern nur ein Konsumentenmagazin, und auch das Auslandsjournal ist mehr Blaulicht, Rotlicht, Land und Leute - Außenpolitik findet thematisch nicht mehr statt.

Wie könnte sich die Entwicklung zurückdrehen lassen? 

Herles: Es müsste ein Umdenken stattfinden. Bisher ist es so: Wenn Sie morgens die Redaktion betreten, werden die ausgewerteten Quoten diskutiert, anstatt zu fragen: Haben wir die Themen der Woche getroffen, haben wir Neuigkeiten gebracht? Und die Leitung des Hauses verlangt nichts anderes. Die Redaktionsleiter müssen jedes Jahr eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie ihre Sendung auf einen bestimmte Durchschnittsquote bringen.

Sie sprechen davon, die GEZ-Gebühren abzuschaffen. Mit welchem Ziel? 

Herles: Die Sender bekommen Gebühren, damit sie nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen sind. Wenn die Gebühren nur dazu dienen, die größten Quoten zu erzielen, muss man die Gebühren abschaffen. Mir wäre aber lieber, die Anstalten würden sich ihrer Aufgabe besinnen.

Wer könnte denn etwas ändern? 

Herles: Das ist der Kreis der Intendanten und Chefredakteure. Ich kenne aber keinen Intendanten, der von der Quotenlogik abweicht. Einfach, weil niemand in diese Position gelangt, ohne diesem Denken anzuhängen. Die Kontrollgremien, also die Rundfunkräte, ticken genauso. So drehen sich alle im Kreis.

Sie waren selbst für das ZDF in leitender Funktion tätig. Wie frei waren Sie in ihrer täglichen Arbeit? Gab es Anweisungen von oben in Richtung Quote?

Herles: Es ist die Frage, wie viel Freiheit sie sich nehmen. Ich bin einmal rausgeflogen, weil ich nicht den schriftlichen Anweisungen von oben gefolgt bin.

Um was ging es dabei?

Herles: Es ging damals um die Wiedervereinigungspolitik von Helmut Kohl. Ich war damals Leiter des ZDF-Studios in Bonn. Wir durften auf Anweisung des Hauses nicht negativ über die neuen Bundesländer berichten. Ein ähnliches Verhalten gilt für andere Themen bis heute.

Bei den Vorfällen in Köln zu Silvester warfen viele Menschen den Sendern vor, das Thema zu verschweigen. Geschah dies auf Anweisung?

Herles: Ich würde da nicht von Anweisungen oder Zensur sprechen. In der Flüchtlingskrise gab es in den Redaktionen die Stimmung: Wir müssen die Regierung unterstützen, positiv berichten, gegen Rechts sein. Dann kommt so etwas wie Köln und alle sind auf einmal verunsichert.

Wolfgang Herles, geboren 1950 in Tittlingen bei Passau, studierte in München Germanistik, Geschichte und Psychologie. Der Fernsehjournalist und Autor war Korrespondent und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, drehte Dokumentarfilme und leitete das ZDF-Studio Bonn sowie die ZDF-Talkshow „live“. Von 2000 bis 2015 war Herles Redaktionsleiter und Moderator der ZDF-Kultursendung aspekte. Er ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt in München. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Die Gefallsüchtigen - Gegen den Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“.

Rubriklistenbild: © dpa

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