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Nordrhein-Westfalen vor der Wahl - Das Herz schlägt im Pott

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Wird er wiedergewählt? NRWs Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU).

Horst Schimanski. So heißt man im Pott. Tibulski. Kowalski. Prichikowski. Ihre Vorfahren waren irgendwann als Wanderarbeiter gekommen. Aus Polen. Aus den deutschen Ostgebieten.

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Später als Flüchtlinge des Krieges. Sie waren ins Herz des Bergbaus und der Montan-Industrie gezogen. Wo Zeche an Zeche stand. Wo ganze Städte unterirdisch begangen werden könnten. Natürlich ist Nordrhein-Westfalen, wo am kommenden Sonntag ein neuer Landtag gewählt wird, viel mehr. NRW ist Kölsch und Kö, ist rheinische Tiefebene und sauerländisches Mittelgebirge. Rheinland, Westfalen, Lippe - drei Landesteile, drei unterschiedliche Menschenschläge. Fröhlich, stur, gemütlich - den NRWler gibt es nicht. Aber es gibt ein gemeinsames Herz. Dieses Herz schlägt im Pott.

Mehr als fünf Millionen Menschen leben hier, im größten Ballungsgebiet des Landes. Das Umland bis an die niederländische Grenze und ins Rheinland dazugerechnet sind es sogar 10 Millionen. Das Ganze heißt dann Metropolregion Rhein-Ruhr. Das Zentrum aber ist der Pott. Dort, wo Ortsfremde sich wundern, warum sie eben noch in Essen waren, jetzt schon in Gelsenkirchen sind und, einmal um die Ecke, plötzlich in Herne stehen.

Die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert hat die Menschen hierher geführt und die unglaubliche Zahl der Zechen. Über 3000 sollen es gewesen sein, dazu Eisenhütten mit wunderbaren Namen wie „Gutehoffnungshütte“. Das alles ist längst Geschichte. Mit der einsetzenden Kohlekrise schloss Bergwerk um Bergwerk.

Die Spuren jedoch sind geblieben. Sie sind zu bewundern entlang der Route der Industriekultur. Das Gasometer in Oberhausen, die Zeche Zollverein in Essen, der Hafen von Duisburg - es gibt viel zu sehen im Revier. Das Zauberwort heißt Strukturwandel. In Hamm, meiner Heimatstadt, ist auf dem Gelände der Zeche Maximilian ein Freizeitpark entstanden. Was einst eine Kohlenwäsche war, ist nun ein 35 Meter hoher Glaselefant. Wo früher gefördert wurde, steht nun ein Kinderparadies. So ist es, das Ruhrgebiet, das es in diesem Jahr sogar zur Kulturhauptstadt Europas geschafft hat. Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg fasste das so zusammen: „Das Ruhrgebiet atmet nicht mehr Staub, sondern Zukunft.“

Gewandelt hat sich auch das Image. Die Zahl der Menschen, die denken, der Pott sei verdreckt und seine Bevölkerung bestehe überwiegend aus Prolls in Opel Mantas, die brüllend Pommes Schranke bestellen, sinkt. Womit wir wieder bei Horst Schimanski wären, dem Tatortkommissar und Prototypen eines Menschen im Pott. Ehrlich. Offen. Das Herz am richtigen Fleck. Die Sprache schnodderig und direkt mit all ihren Watts und Datts.

Gebündelt deutlich wird das beim Fußball. Auf Schalke. Bei Rot-Weiß. Dem VfL. Den Borussen. Das Revier hat seine Vereine. Und seinen Stolz. Als Schalke und Dortmund 1997 Uefa-Cup und Champions- League gewannen, da sangen sie gemeinsam: „Wir sind das Ruhrgebiet!“

Von Frank Ziemke

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