Kommentar über den Tag der Deutschen Einheit: Die neue Mauer

Die Einheitsfeiern in Dresden wurden überschattet von Anfeindungen der Repräsentanten des Staates und Demonstrationen. Ein Kommentar von HNA-Korrespondent Werner Kolhoff.

Demonstrationen gab es schon öfter am Tag der Deutschen Einheit. Etwa 2004, als parallel zum großen Fest Tausende gegen Hartz IV auf die Straße gingen. Sie zeigten, dass zwar die politische Einheit verwirklicht war, aber nicht die soziale. Das ist inzwischen besser geworden, die wirtschaftliche, soziale und politische Einheit ist heute weit fortgeschritten.

Was in Dresden - wie zuvor in Bautzen und etlichen anderen Orten - passiert ist, ist etwas Anderes. Deutlich wird eine tiefe kulturelle Kluft in der Gesellschaft. Im Osten ist sie tiefer als im Westen, aber es gibt sie inzwischen überall. Es ist die Verweigerung eines Teils der Bevölkerung gegenüber jeglicher weiterer Öffnung zu anderen Kulturen und Religionen, gegenüber Fremden überhaupt. Teils stehen Ängste und Unsicherheiten dahinter, auch schlichte Zurückgebliebenheit und Uninformiertheit, teils aber ist es eine geschürte, wohl organisierte Konfrontation. Wie jetzt in Dresden durch Pegida. Die neue deutsche Rechte ist kompromisslos gegen die „Systemparteien“ wie gegen die „Lügenpresse“. Und nimmt auch Gewalt in Kauf.

Sechsundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland wieder geteilt. Es gibt eine neue Mauer des Denkens, und sie ist äußerst schwer zu überwinden. Die jenseits von ihr sind, werden so bald nicht mehr herüberkommen; sie werden im Gegenteil immer skrupelloser. Und die diesseits sind, dürfen ihnen nicht nachgeben, um sie nicht noch stärker zu machen.

Bilder: Proteste und Tränen zur Einheitsfeier in Dresden

So weit ist es gekommen: Am Tag der Deutschen Einheit muss die Polizei Deutsche und Deutsche auseinanderhalten, die politischen Repräsentanten vor Teilen des Volkes schützen, Gäste vor Bürgern der Gastgeberstadt. Kein schöner 3. Oktober.

Lesen Sie dazu auch:

Merkel: Tag der Freude und der neuen Probleme

Rubriklistenbild: © k r o h n f o t o . d e

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.