Interview: Menschenrechtsexperte Theodor Rathgeber über den Index zur weltweiten Christenverfolgung

„Ich rate zur Differenzierung“

Unter Druck: Das Archivbild zeigt Pfarrer Issac Achi (Mitte), der im Dezember 2011 nach einem Anschlag auf Gottesdienstbesucher in der nigerianischen Stadt Madalla zur Gemeinde spricht. Bei dem islamistischen Terrorangriff waren 44 Menschen gestorben. Foto:  dpa

Die christliche Organisation Open Doors ist mit ihren Studien zur Religionsfreiheit weltweit und zur Situation in deutschen Asylheimen in die Kritik geraten. Warum es besser ist, den Fokus auf Menschenrechte auszuweiten, erklärt der Kasseler Politologe Dr. Theodor Rathgeber.

Von Tatjana Coerschulte

Sie haben im Auftrag der evangelischen und der katholischen Kirche eine Untersuchung erstellt über die Verfolgung von Christen weltweit. Warum ist es so schwierig, Angaben dazu zu machen?

Dr. Theodor Rathgeber: Weil es in vielen Ländern schwierig ist, belastbare und aussagekräftige Studien durchzuführen. Dort, wo Religionsfreiheit eingeschränkt wird, werden in der Regel auch Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Die dortigen Staatsbürger haben Angst, sich zu äußern oder sind besorgt, wenn das in Studien Niederschlag finden soll. Insofern ist man manchmal auf Schätzungen angewiesen.

Wie sind Sie für Ihre Studie vorgegangen?

Rathgeber: Ich habe Berichte und Studien verschiedener Einrichtungen und Organisationen verglichen. Das US-amerikanische Pew Research Center in Washington etwa stützt sich bei seinen Studien auf den Aspekt der Menschenrechte. Es gibt Berichte von Amnesty International, Human Rights Watch oder Freedom House. In den USA und auch beim Europäischen Parlament erstellen Arbeitsgruppen Studien zu Religionsfreiheit von Christen und anderen Religionsgruppen. Die habe ich ebenfalls herangezogen. Außerdem gibt es in Brüssel eine sehr akkurat arbeitende Gruppe namens „International Crisis Group“, die sich sehr verlässlich zum Stand der Menschenrechte einschließlich der Religionsfreiheit in verschiedenen Ländern äußert. Bei Fallbeispielen habe ich unter anderem auf Open Doors zurückgegriffen.

Den Studien der christlichen Organisation Open Doors zur Christenverfolgung und jetzt auch zu religiös motivierten Übergriffen in Flüchtlingsheimen wurde vorgeworfen, nicht seriös zu sein. Was halten Sie vom „Weltverfolgungsindex“ von Open Doors?

Rathgeber: In den Weltverfolgungsindex fließen schon sehr viele Tatbestände mit ein. Was auffällt im Vergleich zu den anderen Institutionen ist, dass in dem Index seit Jahren sehr gehäuft islamisch orientierte Staaten vorkommen.

Glauben Sie, dass das gelenkt ist?

Rathgeber: Es hängt wohl eher mit der Fragestellung von Open Doors zusammen. Durch die Ausrichtung speziell auf Christen setzt sich Open Doors intensiv mit den Konflikten auseinander, denen Christen in islamisch orientierten Staaten unterliegen. Das ist mit Blick auf die Zustände in diesen Ländern nicht unbedingt falsch, ich rate aber zur Differenzierung. Wenn man einen weltweiten Überblick erstellt und Christen allein im Fokus hat, dann wird es schnell verzerrt.

Warum?

Rathgeber: In Indien zum Beispiel werden Christen systematisch bedrängt durch hindu-nationalistische Gruppen - das kommt bei Open Doors nicht vor. Die ultraorthodoxen Siedler in Israel wenden sich nicht nur gegen Palästinenser, sondern ebenfalls gegen christliche Gruppierungen, und in der Russischen Föderation haben es kleinere freikirchliche Gruppen ziemlich schwer. Auch das kommt bei Open Doors nicht vor.

Open Doors stellt regelmäßig fest, dass Christen die am meisten verfolgte Glaubensgruppe der Welt sind. Stimmt das?

Rathgeber: Es ist nicht falsch, das zu sagen, es bringt aber nicht viel weiter. Wir haben weltweit 2,3 Milliarden Angehörige christlicher Glaubensgemeinschaften - das ist mit Abstand die größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Da liegt es nahe, dass sie im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften am meisten von Verfolgung oder Bedrängung betroffen sind.

Warum macht man überhaupt solche Untersuchungen?

Rathgeber: Sie sollen nicht nur abbilden, sondern auch Aktivitäten und Unterstützung hervorrufen. Open Doors ist da sehr aktiv, stützt sich aber fast ausschließlich auf christliche Parteien. Das kann in den jeweiligen Ländern problematisch werden, weil das geschlossene christliche Auftreten wirkt wie die fünfte Kolonne. Zielführender ist es, andere diskriminierte Gruppen einzuschließen; zum Beispiel Künstler, die häufig ebenfalls von Einschränkungen etwa der Meinungsfreiheit betroffen sind.

Zur Person

Dr. Theodor Rathgeber (63) ist Lehrbeauftragter am Fachbereich Soziologie der Universität Kassel. Der Politologe arbeitet als Gutachter in Fragen der Menschenrechte; er erstellte unter anderem im Auftrag der evangelischen und katholischen Kirche eine 2013 erschienene Studie zur weltweiten Lage der Religionsfreiheit. Rathgeber stammt aus der Nähe von Schwäbisch Gmünd und studierte in Tübingen, Hamburg und Berlin. Er lebt seit 1993 in Kassel und ist verheiratet.

Hintergrund: Open Doors

Open Doors ist ein internationales, christliches Hilfswerk, das der theologisch konservativen Deutschen Evangelischen Allianz nahe steht.

Im Zusammenhang mit Open Doors fällt häufig der Begriff „evangelikal“. Damit sind protestantische Christen gemeint, die sich als besonders bibeltreu verstehen und sich von liberaler Theologie und Säkularismus abgrenzen. Gegründet wurde die Organisation, die sich für verfolgte und diskriminierte Christen einsetzt, vor 61 Jahren von einem niederländischen Missionar. Standen erst die kommunistischen Länder im Blickpunkt, weitete das Netzwerk seine Arbeit zunehmend auf die ganze Welt aus.

Heute hat Open Doors Büros in 22 Ländern. Die deutsche Niederlassung in Kelkheim bei Frankfurt hat 30 Mitarbeiter. (ses)

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