"Sprache ist bei der Integration nur eine Seite"

Interview: Arbeitsmarktexpertin setzt wenig Hoffnung auf Flüchtlinge

Berlin. Nach Einschätzung der Bundesregierung bringt nicht einmal jeder zehnte Flüchtling die nötigen Voraussetzungen mit, um direkt in Arbeit oder Ausbildung zu kommen.

Auch der Wirtschaftsflügel der Union mahnt, die Asylbewerber könnten nicht das Fachkräfteproblem in Deutschland lösen. Ist das wirklich so? Wir sprachen darüber mit Jutta Rump, der Leiterin des „Instituts für Beschäftigung und Employablility“ (Arbeitsbefähigung) an der Hochschule Ludwigshafen.

Frau Rump, wie steht es um die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlinge zu beschäftigen?

Jutta Rump: Die Offenheit ist groß. Es gibt da keine mentale Sperre. Besonders in den Branchen, in denen es massive Nachwuchsprobleme gibt wie etwa beim Handwerk, schöpft man sogar große Hoffnungen, dass sich vor allem syrische Flüchtlinge für eine entsprechende Arbeit begeistern.

Ist der syrische Flüchtling mit guter Bildung eher die Ausnahme oder die Regel?

Rump: Schwer zu sagen, weil die meisten ja noch kommen werden. Und bei denen, die schon da sind, sind die Qualifikationsprofile noch weitgehend unbekannt.

Aber wie können Politiker dann behaupten, dass nur die allerwenigsten reif für einen Job in Deutschland seien?

Dr. Jutta Rump

Rump: Man weiß natürlich, wie die syrische Wirtschaft aufgestellt war, welche Jobs es dort gab und kann daraus Analogien herstellen, was Flüchtlinge können und was nicht. Fest steht: Deutschland befindet sich auf dem Weg in eine Wissens- und Innovationsgesellschaft. Das kann man der syrischen Wirtschaft nicht attestieren. Ich habe auch Zweifel, ob es sich jemals um eine Industriegesellschaft gehandelt hat, wie unsere.

Und was heißt das dann konkret?

Rump: Dass es ziemlich blauäugig wäre anzunehmen, diese Flüchtlinge könnten unsere demographische Lücke eins zu eins füllen. Das wird nicht funktionieren.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Hürde?

Rump: Integration in die Gesellschaft und speziell auf dem Arbeitsmarkt ist natürlich immer mit Sprache verbunden. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist das kulturelle Wissen. Kultur und Gebräuche. Nur ein Beispiel: Unsere Gesellschaft ist individualistisch geprägt, kombiniert mit der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Im Klartext: Sie sehen Probleme, wenn zum Beispiel der Chef eine Frau ist?

Rump: Ohne ein kulturelles Kompetenztraining dürfte es den meisten männlichen Flüchtlingen mit ihrer Erfahrungswelt sicher schwer fallen, sich den Anweisungen einer, sagen wir, Abteilungsleiterin zu fügen. Allerdings sollte man solche Umstände auch nicht überdramatisieren. Wer zu Hause Furchtbares erdulden musste und sich dann auf einen langen Weg in ein anderes, fremdes Land macht, der ist in aller Regel auch offen für andere Kulturen. Und wir haben doch auch dazu gelernt. Bei den Gastarbeitern in den 50er- und 60er-Jahren gab es noch keinerlei Integrationspolitik. Das hat sich fundamental geändert.

Wie sind eigentlich die Reaktionen der deutschen Arbeitskollegen? Gibt es da möglicherweise Zoff?

Rump: Die Menschen, die eine schlechte Qualifikation haben und vielleicht befürchten müssen, im Zuge des wirtschaftlichen Fortschritts ihren Job zu verlieren, betrachten die Flüchtlinge zweifellos mit Argwohn. Denn viele von ihnen werden in diesem Segment des Arbeitmarktes mit ihnen um Jobs konkurrieren. Auch dem muss man klar ins Auge sehen.

Sie engagieren sich auch in der Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ des Bundesarbeitsministeriums. Spielt in diesem Feld auch die Flüchtlingsfrage eine Rolle?

Rump: Die Initiative bietet Hilfen insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen. Vor diesem Hintergrund können wir auch Handlungsempfehlungen geben, die die Einstellung von Flüchtlingen erleichtern.

Zur Person: Dr. Jutta Rump wurde 1966 in Siegen geboren. Sie studierte Betriebswirtschaft und Volkswirtschaftslehre in Bochum und Köln. Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen. Rump arbeitet gern und viel, sagte sie 2014 der Südwestpresse. Zu ihren Hobbys zählen Fernreisen mit ihrem Mann.

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