General Achim Lidsba über den Afghanistan-Einsatz und die deutsche Armee

Interview: "Bundeswehr vor einem Wandel"

Achim Lidsba

Northeim. Mit Achim Lidsba übernimmt ein General aus dem Landkreis Northeim die Führung der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig. Er ist dann für 13 000 Soldaten und Zivilangestellte verantwortlich.

Kennen Sie bereits alle Einheiten, für die Sie zuständig sein werden?

Zur Person

Achim Lidsba (55) kam 1973 nach dem Abitur in Bad Gandersheim zur Bundeswehr. Unter anderem hatte er Stationen in Wolfhagen, Rotenburg an der Fulda, Münster, Bonn und Hamburg. Lidsba führte als Brigadegeneral 2006 das deutsche Kontingent in Afghanistan und war von 2007 bis 2010 bei der Nato und der EU in Brüssel. In der kommenden Woche übernimmt die 13. Panzegrenadierdivision mit Sitz in Leipzig. Ende des Monats wird er zum Generalmajor (zwei goldene Sterne) befördert. Lisba wohnt seit acht Jahren mit seiner Familie in Sebexen im Landkreis Northeim. (bsc)

Lidsba: Nein, natürlich nicht. Die Division ist in sieben Bundesländern stationiert, die Masse in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg sowie in Schleswig-Holstein und in Hessen. Dort gibt es das Heeresmusikkorps in Kassel, das ich aus meiner Zeit als Leutnant in Wolfhagen bei Kassel kenne.

Werden Sie nach und nach alle Einheiten besuchen?

Lidsba: Ja, das habe ich mir fest vorgenommen. Das ist erste Priorität. Bis Ende des Jahres möchte ich jede Kaserne und jede Einheit kennen gelernt haben.

Was ist Ihre Aufgabe als Divisions-Chef?

Lidsba: Ich fühle mich als Anwalt der Soldaten gegenüber der politischen Führung. Jetzt werden die Entscheidungen für die Zukunft getroffen.

Sie waren in Afghanistan stationiert. Werden auch Soldaten aus Ihrer Division dort tätig sein?

Lidsba: Die Division ist derzeit gerade aus Afghanistan zurückgekehrt und Teile gehen 2012 dort wieder in den Einsatz. Bis steht die Ausbildung im Vordergrund.

Was hat das deutsche Engagement in den vergangenen Jahren für das Land und die Menschen am Hindukusch gebracht?

Lidsba: Mehr als die Menschen gemeinhin im Fernsehen wahrnehmen und in den Zeitungen lesen können. Dem Bau von Schulen und Straßen wird leider zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Die Sicherheitslage steht meist im Mittelpunkt. Die Bundeswehr hat durch das Erhalten eines sicheren Umfeldes dazu beigetragen, das Mädchen zur Schule gehen können, das Straßen gebaut werden können, das weniger Opium angebaut wird und das die Wirtschaft sich langsam entwickelt.

Wie lange wird der Einsatz dort noch dauern?

Lidsba: Das kann kein Mensch vorhersagen. Ein Beispiel: Deutschland und die internationale Gemeinschaft haben sich seit 1994 militärisch in Bosnien engagiert. Dieser Einsatz wird voraussichtlich nach 17 Jahren 2011 zu Ende gehen. In Afghanistan ist Deutschland erst seit 2002 engagiert und damit ist klar, dass man nichts Genaues über die Dauer und den Umfang des Einsatzes dort sagen kann.

Wie schätzen Sie das Risiko für deutsche Soldaten in Afghanistan ein?

Lidsba: Die Bedrohung für die Soldaten ist heute gleich groß wie vor fünf Jahren. Aber in der Öffentlichkeit werden die Probleme offener angesprochen. Das ist im Interesse der Soldaten. Außerdem ergeben sich aus der großen Zahl der Soldaten, derzeit rund 4500 aus Deutschland, mehr Kämpfe und Auseinandersetzungen.

Können die Afghanen ihr Sicherheitsproblem nicht selbst lösen?

Lidsba: Das wollen wir erreichen, indem wir afghanische Polizei und Armee ausbilden. Deutsche Ausbildungsteams gehen mit afghanischen Partnern gemeinsam in den Einsatz. Damit soll erreicht werden, dass die afghanische Polizei und Armee in absehbarer Zukunft selbst für Sicherheit sorgen kann.

Ist die Ausrüstung der deutschen Soldaten am Hindukusch ausreichend?

Lidsba: Ja, nachdem Minister zu Guttenberg angeordnet hat, dass dort die Artillerie zum Einsatz kommt. Die Zahl der geschützten Fahrzeuge ist ebenfalls ausreichend. Aber gepanzerte Vehikel sind nicht alles. Wir müssen aus diesen Fahrzeugen aussteigen, um den Kontakt mit der Bevölkerung zu halten. Deutsche Soldaten müssen erfahren, welchen Hilfen die Afghanenbrauchen.

Wie kann die Situation nachhaltig in Afghanistan verbessert werden?

Lidsba: Ganz einfach, durch langen Atem. Wenn ein Bereich von Taliban befreit ist, muss sofort der Wiederaufbau beginnen. Das haben wir früher nicht immer gemacht. Nur mit spürbaren Projekten, zum Beispiel zur Trinkwasser- und Gesundheitsversorgung, kann man die Herzen der Menschen gewinnen. Deutschland muss sparen. Das gilt auch für die Bundeswehr.

Wie wird sich das auf die Soldaten in Afghanistan und auf Ihre Division auswirken?

Lidsba: Ich hoffe in Afghanistan gar nicht, denn die Politik hat zugesagt, dass die Soldaten alles das bekommen, was sie für den Einsatz benötigen. In Deutschland wird es einen grundlegenden Wandel in den Streitkräften geben, den es zuletzt nach der Wende gab.

Sind sechs Monate Wehrpflicht ausreichend?

Lidsba: Die Wehrpflichtdauer war immer eine politische Größe. Mit einer sechsmonatigen Wehrpflichtdauer kommen wir jetzt allerdings an militärische Grenzen. Derzeit gibt es Überlegungen, die Wehrpflicht auszusetzen.

Was ist aus Ihrer Sicht besser - eine Wehrpflichtarmee oder eine Berufsarmee?

Lidsba: Wir haben praktisch schon eine Berufsarmee. 200 000 Zeit- und Berufssoldaten stehen nur noch 50 000 Wehrpflichtigen gegenüber. Es ist sinnvoll, jetzt über die Zukunft der Wehrpflicht nachzudenken und der Bundeswehr eine neue Struktur zu geben. Das Umfeld für Deutschland hat sich grundlegend gewandelt, deshalb muss sich auch die Bundeswehr entsprechend fortentwickeln.

Wie sieht die Bundeswehr in einigen Jahren aus?

Lidsba: Sie wird kleiner sein als heute und noch professioneller ausgebildet sein. Sie soll und muss attraktiv für junge Menschen bleiben.

Von Bernd Schlegel