Interview mit GDL-Chef Claus Weselsky: „Die Bahn treibt uns in den Streik“

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Kassel. Für Bahnkunden bleibt die Reiseplanung weiter unsicher. Nach dem Lokführerstreik gibt es keine Anzeichen für eine schnelle Lösung des Tarifkonflikts. Wir sprachen mit dem Chef der umstrittenen Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, über Ursachen, Hintergründe und mögliche weitere Ausstände.

Herr Weselsky, Sie selbst haben sich ziemlich unbeliebt gemacht bei den Bahnreisenden. Man hat den Eindruck, Sie führen einen ziemlich egoistischen Kampf über Gewerkschaftsmacht und nicht über Gehälter.

Claus Weselsky: Das hat die Propaganda-Abteilung der Bahn geschickt so hingedreht, um Stimmung gegen uns zu erzeugen. Jeder nüchterne Beobachter muss doch erkennen, dass man mit einem reinen Ego-Trip die Kollegen nicht hinter sich bekommt. Aber die Kollegen stehen hinter den Forderungen nach mehr Geld, weniger Überstunden und einer Verbesserung ihrer Freizeit- und Familiensituation.

Aber es geht doch auch um eine Machtfrage? 

Weselsky: Ja, das kann man aber einfach erklären: Der Tarifvertrag, der uns verpflichtet, nur für die Lokführer zu verhandeln, ist zum 30.6. ausgelaufen. Neben 80 Prozent der Lokführer der Bahn sind aber 30 Prozent der Zugbegleiter bei uns organisiert. Deshalb geht es nicht an, dass wir weiter nur für die Lokführer verhandeln, denn wir wollen keine Mitglieder erster und zweiter Klasse.

Aber die EVG, die andere Bahngewerkschaft, ist schon die größere Gewerkschaft? 

Weselsky: Unbestritten, aber sie hat ihren Schwerpunkt bei den Infrastrukturunternehmen, also Netz, Bahnhöfe etc. Wir haben das fahrende Personal im Eisenbahnverkehr, und es gibt keine Gewerkschaft, die mehr Zugbegleiter vertritt. Viele Zugbegleiter sind leider gar nicht organisiert.

Dennoch kratzt die Debatte am Image der GDL. Warum machen die Gewerkschaften das nicht unter sich aus? 

Weselsky: Es ist doch die Bahn, die behauptet, wir seien im Krieg. So ist es aber nicht. Wir bestreiken den Arbeitgeber, der nicht über Inhalte mit uns redet, sondern nur verlangt, wir hätten uns einer anderen Gewerkschaft zu unterwerfen. Die hat in den Eisenbahnverkehrsunternehmen aber nur einen Organisationsgrad von 21 Prozent, während wir bereits mehr als 51 Prozent des gesamten Zugpersonals der Deutschen Bahn vertreten. Trotzdem will die Bahn, dass wir uns in Tarifverhandlungen der EVG unterwerfen. Das ist mit uns nicht machbar.

Die Bahn sagt, sie habe Ihnen Angebote gemacht, warum reagieren Sie da nicht? 

Weselsky: Die Bahn hat angeboten, uns mit zwei Prozent für die Lokführer abzuspeisen und ein Moratorium zu unterschreiben. Wir sollten stillhalten, bis die Bundesregierung über das Gesetz zur Tarifeinheit entschieden hat. Das heißt zu Deutsch: Ihr unterschreibt und wartet, bis man euch als Spartengewerkschaft verbietet. Das hat sie selbst nicht ernst genommen, sie treibt uns in den Streik.

Aber die Bahn kann doch kein Interesse an Streiks haben? 

Weselsky: Als einer der größten Arbeitgeber im Lande betreibt sie knallharte Lobbypolitik. Sie ist durchaus in der Lage, Streiks auszuhalten. Denn dann kann sie nach dem Gesetzgeber rufen, weil wegen uns Streikhanseln angeblich der Untergang des Abendlandes droht. Das nennt man sich selbsterfüllende Prophezeiung.

Und die Lokführer-Gewerkschaft GDL macht das nicht mit? 

Weselsky: Wenn das Gesetz zur Tarifeinheit kommt, werden wir dagegen klagen. Und ansonsten unsere Arbeit machen, nämlich gute Tarifpolitik für unsere Mitglieder.

Müssen wir Reisende demnächst eigentlich in absehbarer Zeit wieder mit einem Bahnstreik rechnen - mit einem kürzeren oder längeren?

Weselsky: Wenn die Bahn weiter blockiert, wird es weitere Maßnahmen geben. Aber wann, werde ich jetzt nicht sagen. Wir geben es so rechtzeitig bekannt, dass die Bahnkunden sich darauf einstellen können.

Zur Person: Der gebürtige Dresdner Claus Weselsky (55), gelernter Schienenfahrzeugschlosser und Lokführer, steht seit 2008 an der Spitze der Lokführergewerkschaft GDL. Der geschiedene Vater eines erwachsenen Sohnes mit dem unverkennbaren Dialekt wurde einmal als „der Einheizer aus Sachsen“ tituliert. Er ist ein genauso leidenschaftlicher Gewerkschafter wie Taucher in seiner Freizeit. Vor einiger Zeit zog der durchaus umstrittene GDL-Chef mit einem Behindertenvergleich, für den er sich entschuldigte, Kritik auf sich.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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