Interview zu Hasskommentaren im Internet: „Die Feigheit, die sich großartig vorkommt“

Bundesjustizminister Heiko Maas hat Hassbotschaften im Netz den Kampf angesagt. Das eigentliche Problem bei Hetzkommentaren ist die Anonymität im Internet, sagt der Bildungswissenschaftler Klaus-Peter Hufer. Ein Interview.

Sie bieten seit Jahren Seminare „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ an, mit denen Sie bundesweit sowie in der Schweiz und Österreich gebucht werden. Ist eine Polizeirazzia die richtige Art, mit Hasskommentaren im Internet umzugehen?

Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer: Das ist eine Art, damit umzugehen. Hass, Beleidigungen, Diskriminierung und Hetze kann man nicht zulassen, weil sich das nicht nur in Worten erschöpft, sondern irgendwann zu Taten führt. Letztendlich müssen diejenigen geschützt werden, die potenzielle Opfer sind.

Nun könnten die Verfasser solcher Hasskommentare ja entgegnen: Niemand ist gezwungen, das zu lesen.

Hufer: Aber es wird gelesen! Diese Gruppen bestärken sich gegenseitig selbst, es wird in sozialen Netzwerken geteilt, findet also ganz schnell seine Fortsetzung bei anderen Nutzern. So werden auch Leute damit konfrontiert, die das gar nicht wollen.

Nimmt man Hasskommentare heute mehr wahr oder sind es mehr geworden?

Klaus-Peter Hufer

Hufer: Es sind mehr geworden. Wir haben ja auch einen permanenten Zugang zu Kommunikationsmedien. Postings im Internet gehen schnell, ruck-zuck. Das hat gigantisch zugenommen, und gerade die Hasspostings haben ein bedrückendes Ausmaß angenommen.

Sollten Kommentarfunktionen zum Beispiel auf Nachrichtenseiten generell gesperrt werden?

Hufer: Da bin ich skeptisch. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut und notwendig in einer zivilisierten, liberalen Gesellschaft. Mir geht es darum, Meinungsfreiheit zu verteidigen - aber nur in dem Maße, in dem keine Menschen in ihrer Würde verletzt werden. Diese Postings schaukeln sich gegenseitig hoch, und dann werden aus harmlosen Bemerkungen regelrechte Hasstiraden. Das kann man nicht zulassen. Das Internet ist kein privater Raum, sondern ein öffentliches Medium. Wenn es um Diskriminierung geht und um Anstiftung zur Gewalt, ist die Grenze der Meinungsfreiheit erreicht.

Welche Rolle spielt die Anonymität im Internet?

Hufer: Eine ganz große, in der Anonymität des Internets tobt sich die Feigheit aus, die sich großartig vorkommt. Das ist eigentlich das Hauptproblem. Sich hinter Pseudonymen zu verschanzen, ist feige und passt nicht in eine demokratische Gesellschaft.

Wie gehen Sie persönlich mit Hassmails um oder Parolen wie „Flüchtlinge kriegen in Deutschland alles“? Ignorieren oder argumentieren?

Hufer: Auf eine solche Aussage würde ich reagieren, weil sie nicht stimmt, und man das belegen kann. Bei Hassmails ist meine Erfahrung, dass es den Absendern nicht um Meinungsaustausch geht. Ich habe das Glück, auch durch meine Seminare sehr viele Menschen zu treffen. Die engagierten Menschen verbringen ihre Zeit nicht hauptsächlich im Internet.

Wann hat argumentieren keinen Sinn mehr?

Hufer: Wenn man auf Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild trifft. Die wollen keine Argumente hören, sondern sich aggressiv Platz verschaffen.

Seit Monaten entzünden sich heftige, emotionale Debatten an der Flüchtlingsfrage. Wie wirkt das auf Sie?

Hufer: Wir haben inzwischen eine gespaltene Gesellschaft, und sie spaltet sich in der Mitte. Da tobt sich etwas aus, was tiefgründiger ist. Ich kann es noch nicht richtig einschätzen. Aber die Enthemmung eines relevanten Teils der Gesellschaft, die sich dort zeigt, muss zu denken geben. Zum Glück sind die anderen noch in der Mehrheit.

Zur Person: Klaus-Peter Hufer (67) ist außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Der Politologe und Erziehungswissenschaftler wurde mit der Reihe „Argumentieren gegen Stammtischparolen“ bekannt. Geboren in Groß-Gerau, lebt am Niederrhein. Zu seinem Privatleben macht er keine Angaben.

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