Interview mit dem Ex-Bezirksbürgermeister von Neukölln

Heinz Buschkowsky zu den Vorfällen in Köln: „Das deutet auf Überforderung hin“

Ort des Geschehens: Das Bild zeigt den Vorplatz vor dem Hauptbahnhof, wo sich die Übergriffe abgespielt haben, mit dem Übergang zum Dom. Foto:  dpa

Kassel. Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof kommen Fragen auf: Wie findet sich eine Gruppe von so vielen Tätern zusammen? Worin besteht die Motivation?

Und warum war die Polizei machtlos? Heinz Buschkowsky war 14 Jahre Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln. Im Interview spricht er über Erfahrungen aus seiner Amtszeit.

Wie findet sich Ihrer Einschätzung nach eine Gruppe von so vielen Tätern zusammen? 

Heinz Buschkowsky: Das können spontane Verabredungen sein. Die heutigen Kommunikationswege machen das möglich. Wir haben auch immer wieder festgestellt, dass sich 1000 oder 2000 Menschen zum Beispiel bei illegalen Konzerten und Autorennen in einer enormen Geschwindigkeit zusammenfinden. Es kann sich natürlich auch um eine längerfristige Verabredung handeln. Das halte ich aber für unwahrscheinlich, da so etwas im Internet nicht unbeobachtet bleibt und die Polizei sich dann darauf einstellen kann. Szenetreffpunkte sind oft spontane Anlauforte.

Welche Motivation steckt dahinter? 

Buschkowsky: Ich halte nichts von der Theorie unseres Justizministers (Heiko Maas, Anm. d. Red.), dass es sich um einen Akt organisierter Kriminalität gehandelt hat. Diese spielt sich nicht mit 1000 betrunkenen Menschen auf dem Platz vor dem Kölner Dom ab. Diese Theorie halte ich für Unsinn.

Sind Ihnen Übergriffe in diesem Ausmaß bekannt, oder ist das eine neue Dimension? 

Heinz Buschkowsky

Buschkowsky: Ich kenne solche Zusammenrottungen anlässlich von Großveranstaltungen durchaus auch aus Neukölln. Die Kriminalität in diesem Ausmaß ist allerdings neu. Es ist ja schon ein Trend, dass sich große Menschenmassen zusammenfinden, um zu feiern. Und in diesem Fall haben wir das Problem, dass es sich vermutlich um junge Männer gehandelt hat, die aus einem Kulturkreis stammen, in dem eine Frau, abgesehen von der Mutter, eigentlich eine niedere Lebensform ist. Vieles spricht dafür, dass es sich hierbei nicht um eine Form kultureller Identität handelt, wie viele Romantiker glauben. In unserer Welt ist es Rowdytum, Verwahrlosung, asoziales Verhalten. Aus deren Sicht ist es ganz normal, eine Frau, die um diese Uhrzeit auf der Straße ist, die nur eine Schlampe sein kann, nach Belieben zu malträtieren.

Waren die Taten aus Ihrer Sicht reine Willkür oder eine Folge des Alkoholkonsums? 

Buschkowsky: Ich gehe davon aus, dass viele dieser jungen Männer betrunken waren und auch unter Drogeneinfluss standen. Anders ist es nicht zu erklären, wenn man liest, dass sie sogar einer Polizistin in die Hose gegriffen haben. Das macht noch nicht einmal ein Betrunkener. Da müssen schon andere Stoffe in den Adern pulsieren.

Wie bewerten Sie das Auftreten der Polizei an diesem Abend? 

Buschkowsky: Warum die Polizei, wenn sie im Laufe des Abends schon Hinweise bekommen hat, sich nicht besser aufgestellt hat, ist für mich unerklärlich. Das kann nur damit zusammenhängen, dass unsere Polizei immer noch nicht gelernt hat, mit diesen Massenphänomenen umzugehen. Die Polizei muss lernen, wann es heißt Stärke zu zeigen, präsent zu sein und durchzugreifen. Da geschehen fast 100 Straftaten und hinterher will man erzählen, dass niemand etwas gemerkt hat. Das ist nicht sehr überzeugend und deutet auf Überforderung hin.

Was könnten diese Vorfälle für Auswirkungen für die Zukunft haben? 

Buschkowsky: Ich bin ein Anhänger von Videoüberwachung, auch wenn viel Ideologie im Weg steht. Die Überwachung des öffentlichen Raums muss verstärkt werden. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass nicht jede kulturelle Eigenart für uns auch eine Bereicherung ist. Was woanders völlig normal und üblich sein mag, wie man mit Frauen umgeht, ist bei uns eine Straftat. Was passiert ist, ist nicht neu. Neu ist nur die Massivität der Vorfälle. Es ist auch ein Stück Zeugnis gescheiterter Integration.

Heinz Buschkowsky (67) wurde in Berlin-Neukölln geboren und war von 2001 bis 2015 Bezirksbürgermeister dieses Berliner Problembezirks. Nach seinem Studium zum Diplom-Verwaltungswirt schlug Buschkowsky eine Beamtenlaufbahn ein und arbeitete für mehrere Senatsbehörden, bevor er seine politische Karriere für die SPD einschlug. Der Berliner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem des Bestsellers „Neukölln ist überall“.

Lesen Sie auch:

- Sex-Übergriffe in Köln: Das ist der Stand der Ermittlungen

- Sex-Übergriffe: Merkel verlangt harte Antwort des Rechtsstaats

- Sexuelle Übergriffe in Köln: So wird im Netz darüber diskutiert

- Sex-Übergriffe zu Silvester: Harsche Kritik an der Polizei

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.