Salzwasser-Kompromiss, Sparprogramm und Kanada-Projekt

Interview mit K+S-Chef Norbert Steiner: „Hatten Schließung vor Augen“

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Kassel. Der Kasseler K+S-Konzern hat unlängst sein 125-jähriges Bestehen gefeiert. Wir sprachen mit dem Vorstandschef Norbert Steiner über Perspektiven, Strategien, Sparprogramm, Umweltfragen und das milliardenschwere Legacy-Projekt in Kanada.

Herr Steiner, K+S soll nach der Vereinbarung mit dem Land Hessen auch langfristig salzhaltiges Abwasser aus der Kaliproduktion in die Werra einleiten dürfen. Ist das ein Geschenk der Politik anlässlich des 125-jährigen Bestehens von K+S oder das Resultat knallharter Verhandlungen?

Norbert Steiner: Das zeitliche Zusammentreffen unseres Jubiläums mit dem Vier-Phasen-Plan zur dauerhaften Lösung der Salzwasserproblematik in Werra und Oberweser ist reiner Zufall. Und von einem Geschenk kann keine Rede sein. Schließlich haben wir uns verpflichtet, über die bereits für den Gewässerschutz investierten 360 Millionen Euro hinaus bis 2021 weitere 400 Mio. auszugeben.

Also das Resultat knallharter Verhandlungen? 

Steiner: Die Positionen zwischen uns und der Landesregierung waren durchaus unterschiedlich. Da war es notwendig, lange und intensiv zu verhandeln. Schließlich ging es darum, nicht nur eine Lösung für fünf oder zehn Jahre, sondern für die Restlaufzeit unserer Kali-Standorte an der Werra zu finden – unter Berücksichtigung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Erfordernisse.

Haben Sie je an eine Werkschließung gedacht? 

Zur Person

Norbert Steiner ist seit Mitte 2007 Vorstandschef der K+S AG: Der 59-jährige Jurist kam 1993 von BASF, dem damaligen Mutterkonzern des Kali- und Salzproduzenten, nach Kassel und leitete zunächst den Bereich Recht, Steuern und Versicherungen. 2000 stieg der verheiratete Vater zweier erwachsener Söhne in den Vorstand auf, sieben Jahre später wurde er dessen Chef. Erst im August verlängerte der Aufsichtsrat Steiners Vertrag bis zum Mai 2017. Der gebürtige Siegener interessiert sich für Kunst und Musik und sammelt Modelleisenbahnen. Der Manager gilt als bodenständig, verbindlich, besonnen und sozial. Er führt den Konzern mit ruhiger Hand durch turbulente Zeiten.

Steiner: Bei den Gesprächen hatten wir immer vor Augen, dass wir das Werk Werra ganz oder teilweise würden stilllegen müssen. Das zu vermeiden haben wir jetzt geschafft, und darüber bin ich froh, und darüber können alle froh sein, die an einem lebendigen Kalirevier Interesse haben. Der jetzt gefundene Kompromiss hat die Weichen in die richtige Richtung gestellt.

Es gibt nicht wenige, die der Ansicht sind, Sie hätten die Zugeständnisse mit dem Arbeitsplatzargument erpresst. 

Steiner: Ich bitte Sie, wir haben niemanden erpresst. Alle, die an einer ausgewogenen Lösung der Salzwasserproblematik interessiert sind, sehen neben den nachvollziehbaren Umweltaspekten die Notwendigkeit für den Erhalt der Arbeitsplätze. Im hessisch-thüringischen Kalirevier beschäftigen wir direkt knapp 4500 Menschen, mit Zulieferern mehr als 7000.

Kommen wir zu den Turbulenzen am Kalimarkt. Ist ein Ende des Preistiefs abzusehen? 

Steiner: Seit Anfang des Jahres hat es eine Bodenbildung bei den Kalipreisen gegeben, in einigen Regionen sind die Preise zuletzt auch wieder gestiegen. Insgesamt sind die Preise nicht so stark gesunken, wie wir am 30. Juli 2013 befürchten mussten, als Uralkali beschloss, das russisch-weißrussische Vertriebsbündnis zu verlassen. Dennoch gingen die Preise nach diesem Tag um etwa 100 Dollar je Tonne zurück. Bei etwa sieben Mio. Tonnen Jahresproduktion kann man sich ausrechnen, was das für unser Ergebnis bedeutet.

Gibt es Anzeichen, dass die beiden Kontrahenten wieder zusammenfinden? 

Steiner: Derzeit nicht. Das ist aber auch nicht entscheidend. Letztlich bestimmen Nachfrage und Angebot das Geschehen im Markt

Sie haben vor einem Jahr ein weitreichendes Sparprogramm aufgelegt, das bis 2016 rund 500 Millionen Euro bringen soll. Wie weit sind Sie?

Wir kommen gut voran. Von den mindestens 150 Mio. Euro Einsparung in diesem Jahr haben wir bis zum 30. Juni die Hälfte realisiert. Es kostet viel Kraft, die Effizienz zu steigern. Das Sparprogramm trägt erheblich dazu bei, unsere Perspektiven zu verbessern. Und das sind wir uns, den Beschäftigten und Aktionären sowie unserem gesamten Umfeld schuldig.

Bislang hat es keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben. Bleibt es dabei? 

Hintergrund: Großer Arbeitgeber in der Region

K+S beschäftigt weltweit fast 14 300 Mitarbeiter, davon 10 000 im Inland, davon wiederum die Hälfte an seinen Produktionsstandorten in Nord- und Osthessen – im Verbundbergwerk Werra mit den Gruben Hattorf, Winters-hall und Unterbreizbach sowie Neuhof bei Fulda. Allein am Konzernsitz in Kassel hat der Kali- und Salzproduzent 700 Mitarbeiter. Im ersten Halbjahr 2014 setzte K+S fast zwei Milliarden Euro um und verdiente unterm Strich 222,6 Mio. Euro. Für das Gesamtjahr erwarten die Kassler 3,65 bis 3,85 Mrd.Euro Umsatz und einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 490 bis 570 Mio. Euro. Neben den Milliardeninvestitionen in sein neues Bergwerk in Kanada hat K+S in den vergangenen Jahren 360 Mio. Euro in den Gewässerschutz im Werra-Revier gesteckt, um die Salzfracht in Fluss und Grundwasser zu reduzieren. Die Kritik am K+S-Konzern wegen dessen Abwasserpraxis ist groß.

Steiner: Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn wir sind ja noch dabei, unsere Prozesse zu analysieren. Vorsorglich haben wir mit der Gewerkschaft und dem Gesamtbetriebsrat einen Interessenausgleich und Sozialplan geschlossen. Zunächst werden wir die natürliche Fluktuation nutzen. Gegebenenfalls gibt es noch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Auslagerung von bestimmten Tätigkeiten. Und dennoch: Betriebsbedingte Kündigungen sind das letzte Mittel und deshalb nicht auszuschließen.

Sie investieren derzeit 2,9 Milliarden Euro in ein neues Kalibergwerk in Kanada. Wenn dort etwas schief geht, hat K+S ein Riesenproblem. Können Sie nachts ruhig schlafen? 

Steiner: Ja, das kann ich. Denn wir haben sehr viel in den Aufbau einer schlagkräftigen Mannschaft und in eine gute Planung investiert. Alle Fachleute signalisieren uns, dass wir den Kosten- und Zeitrahmen einhalten. Wir wollen das Werk in der zweiten Hälfte 2016 in Betrieb nehmen und bis Ende 2017 eine vorläufige Jahreskapazität von zwei Mio. Tonnen erreichen.

Aber es ist ja keine normale Grube, sondern eine, die nach dem so genannten Solution-Mining-Verfahren arbeitet, bei dem Wasser durch Bohrungen in die Kalischichten geführt wird, wo es das Kali auswäscht und über andere Bohrleitungen nach oben bringt. Sind die Risiken beherrschbar? 

Steiner: Ja, absolut. Mit der Solungstechnik arbeiten wir hierzulande in Bernburg, in den Niederlanden und in Nordamerika. Zwar gibt es Unterschiede zum Kali-Abbau mit diesem Verfahren. Aber wir haben eine Reihe von Experten an Bord, die das bei anderen Unternehmen schon praktiziert haben. Seit einigen Monaten betreiben wir in Kanada zudem eine Testkaverne, und zwar nicht im Labor-, sondern im industriellen Maßstab. Wir wissen, wie es funktioniert und gehen davon aus, dass wir 2016 mit der Produktion beginnen können.

Die Investoren honorieren ihre Bemühungen nicht. Der Aktienkurs ist alles andere als gut. Warum? 

Steiner: Auch wir können uns den allgemeinen Trends an den Kapitalmärkten, die derzeit sehr empfindlich auf die Krisen in aller Welt reagieren, nicht entziehen. Hinzu kommt, dass wir dieses Jahr sehr gute Ernten hatten mit einem entsprechenden Rückgang der Agrarpreise. Der Kapitalmarkt erwartet daraus auch eine negative Auswirkung auf die Kalinachfrage und in der Folge Druck auf die Düngemittelpreise. Das betrifft nicht nur uns, sondern auch unsere Wettbewerber. Wir sind dennoch ein starkes Unternehmen.

Von José Pinto

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