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Interview mit Prof. Dr. Stefan Treue zum Thema Tierversuche

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Von: Tatjana Coerschulte

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Der Leiter des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, Prof. Dr. Stefan Treue © dpa

Ein Streit über Tierversuche eskalierte in Bremen in Form ganzseitiger Anzeigen radikaler Tierschützer. Prof. Dr. Stefan Treue vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen erläutert im Interview, warum diese Auseinandersetzungen häufig so emotional sind.

Können Sie sich erklären, warum die Auseinandersetzungen über Tierversuche oft so emotional sind? 

Prof. Dr. Stefan Treue:  Das hat zwei Ebenen. Die eine ist: Es sind durchaus wichtige ethische Fragen, um die es da geht, und bei wichtigen ethischen Fragen ist Emotionalität nicht überraschend. In diesem speziellen Fall kommt noch viel Nichtwissen hinzu und zum Teil Fehlinformation, die bewusst eingesetzt wird, um eine Emotionalität zu erzeugen, die sich allein aus den Fakten nicht generieren lässt.

Die Affen, die für Tierversuche in der akademischen Forschung in Deutschland benötigt werden, stammen allesamt aus Ihrem Institut, dem Deutschen Primatenzentrum (DPZ). Ist die Zahl der Tiere, die das DPZ abgibt, in den vergangenen Jahren gestiegen? 

Treue:  Nein, wobei das insgesamt kleine Zahlen sind. Das schwankt von Jahr zu Jahr, liegt in der Größenordnung von 100 Tieren pro Jahr. Das bezieht sich aber nur auf die akademische Forschung. Die Primaten für die Forschung in Pharmaunternehmen stammen nicht von uns.

Wenn ein Wissenschaftler in Deutschland einen Tierversuch vornehmen möchte, wie muss er dann vorgehen?

Treue:  Er darf so etwas nur machen, wenn er über die entsprechende wissenschaftliche Ausbildung und Erfahrung verfügt. Er muss spezifische Kurse besucht haben, die Tiere müssen artgerecht gehalten werden. Wenn das gegeben ist, muss er einen Antrag stellen, und zwar für jeden einzelnen Versuch. Der Antrag muss nachweisen, dass es keine Alternative zu den Versuchen gibt, dass es um eine wichtige Frage geht und die Versuche ethisch vertretbar sind. Er wird dem Tierschutzausschuss des Instituts vorgelegt, und dann geht er an die Behörde. Die Behörde lässt sich von einer Fachkommission beraten, in der auch Vertreter von Tierschutzverbänden sitzen. In der Regel entscheidet die Behörde innerhalb von 40 Arbeitstagen.

Sie selbst forschen auch an Affen. Können Sie sagen, was ein Tier bei einem Versuch spürt?

Treue:  Das können wir ganz gut nachvollziehen, weil wir diese Art von Eingriffen aus dem humanen Bereich kennen. In der neurophysiologischen Untersuchung führen wir zum Beispiel haarfeine Sonden ins Gehirn ein. Das ist für die Tiere deswegen schmerzlos, weil das Gehirngewebe über keinerlei Berührungs- oder Schmerzrezeptoren verfügt. Das heißt: Nervengewebe spürt nicht, dass da eine Elektrode drin ist. Im menschlichen Bereich wird Patienten bei bestimmten Eingriffen ein Implantat ins Gehirn eingesetzt. Das spüren die Patienten auch nicht.

Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Tierversuche in Zukunft zunehmen wird. Teilen Sie diese Einschätzung?

Treue:  Ja. Die EU macht jetzt viel umfangreichere Vorgaben für die Testung von chemischen Substanzen, die früher nie getestet wurden. Eine Auswirkung dieser Direktive könnte sein, dass es trotz intensiver Forschung an Alternativen mehr Tierversuche geben wird. Hinzu kommt, dass wir methodisch in der medizinischen Forschung weiter kommen, insbesondere im Bereich der Gentechnik. Da sind in den vergangenen Jahren Dinge möglich geworden, die noch genauere Untersuchungen bestimmter Krankheiten erlauben. Das wird bei bestimmten menschlichen Erkrankungen dazu führen, dass die Zahl der Tierversuche steigen wird.

Ist Grundlagenforschung ohne Tierversuche vorstellbar?

Treue:  Wenn wir von einer international wettbewerbsfähigen und hochkarätigen Grundlagenforschung sprechen: Nein, die ist auf absehbare Zeit ohne Tierversuche nicht vorstellbar.

Haben Sie am DPZ Probleme mit radikalen Tierschützern?

Treue: 

Probleme im Sinne von Demonstrationen oder Bedrohungen haben wir nicht. Wir machen sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit und bieten Informationen an. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Entschärfung dieser Emotionalität. Unsere Erfahrung ist: Je mehr Informationen die Leute haben, desto solider können sie sich eine Meinung bilden. Die Radikalität findet man vor allem bei Leuten, die nicht viel über Tierversuche wissen.

Die Fragen stellte Tatjana Coerschulte

Zur Person:

Prof. Dr. Stefan Treue (49) wurde in Peine (Niedersachsen) geboren und studierte Biologie in Frankfurt, Heidelberg und Durham. Nach Stationen am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA) und Tübingen ist er seit 2001 Professor für Kognitive Neurowissenschaften an der Universität Göttingen und Direktor des Deutschens Primatenzentrums in Göttingen.

Für seine Grundlagenforschungen zum Zusammenspiel von Aufmerksamkeit und optischer Wahrnehmung erhielt er 2009 den Leibniz-Preis, den höchsten deutschen Forschungspreis. Treue ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Göttingen. (coe)

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