Über die Neuerfindung der Mobilität und die Rolle von VW

Interview mit VW-Chefstratege Jungwirth über selbstfahrende Autos

Leitet die Digitalisierungsstrategie bei Volkswagen: Johann Jungwirth

Wolfsburg. Selbstfahrende Autos werden in wenigen Jahren in den Städten fahren, prognostiziert Johann Jungwirth.

Er leitet seit November die Digitalisierungsstrategie bei Volkswagen und ist sich sicher, dass die Mobilität gerade neu erfunden wird. Wir sprachen mit dem 43-Jährigen, der vor seiner Zeit bei VW bei Apple und Mercedes-Benz arbeitete.

Volkswagen will bis 2025 führender Mobilitätsanbieter werden. Was heißt das?

Johann Jungwirth: Im Kern geht es darum, Volkswagen mit seinen zwölf Marken von einem Automobilhersteller zu einem Anbieter nachhaltiger Mobilität weiterzuentwickeln, um neue Geschäftschancen und Umsatzpotenziale zu erschließen. Das heißt, dass wir künftig nicht nur Autos zum Kauf oder Leasen anbieten, sondern auch nachhaltige Mobilität auf Nachfrage - mit Elektrofahrzeugen und in fünf bis sieben Jahren mit selbstfahrenden Fahrzeugen.

Welchen Vorteil hat der Kunde von autonomen Autos?

Jungwirth: Diese Fahrzeuge können auch Menschen nutzen, die heute nicht in den Genuss von individueller Mobilität kommen. Das ist eine Chance für Blinde, Kranke, Kinder und alte Menschen. Sie können von der Mobilität auf Nachfrage mit selbstfahrenden Fahrzeugen zum Transport von Tür zu Tür profitieren und damit eine Erhöhung ihrer Lebensqualität durch uns erhalten.

Das klingt nach leiser Revolution auf der Straße.

Jungwirth: Wir gehen mit dem autonomen Fahren gesellschaftliche Probleme an. Stichwort Sicherheit: Bis zu 1,25 Millionen Menschen sterben im Straßenverkehr, 91 Prozent davon durch menschliches Versagen. Diese Zahl können wir deutlich senken. Menschen verbringen durchschnittlich 37 668 Stunden im Auto, diese Zeit können wir ihnen zurückgeben. Und wir werden die Großstädte entlasten, die große Probleme mit der Menge des Verkehrs haben.

Haben Sie ein Beispiel?

Jungwirth: Berlin. Im inneren S-Bahn Ring haben wir simuliert und ermittelt, dass nur noch ein Siebtel der Fahrzeuge von heute benötigt wird, um ein gleich hohes Maß an Mobilität zu bieten. Zu regulären Zeiten muss der Kunde maximal zwei bis fünf Minuten auf ein Fahrzeug warten.

Das heißt, die Zahl der derzeit produzierten Fahrzeuge geht zurück und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze, oder?

Jungwirth: Keineswegs. Die Fahrzeuge der Zukunft erreichen ihr Lebensende aufgrund des stärkeren Einsatzes bereits nach gut zwei Jahren. Heute sind die Autos etwa 15 Jahre auf der Straße. Für uns ist das eine gute Nachricht. Wir brauchen und wir werden nach wie vor so viele Fahrzeuge wie heute produzieren, wahrscheinlich sogar mehr da mehr Menschen davon Gebrauch machen können.

Wie sieht es mit Daten- und Versicherungsschutz aus? Das sind Fragen, die den Erfolg ausbremsen könnten. 

Jungwirth: Daran arbeiten im Konzern viele Menschen parallel. Datenschutz und Informationssicherheit sind für uns sehr wichtig. Diese Fragen beschäftigen uns bereits jetzt bei der Software-Architektur dieser Lösungen. Beim Auto der Zukunft wird das selbstfahrende System mit Software auf Basis künstlicher Intelligenz zum Herzstück des Autos.

Neue Autos fahren autonom, ein altes konventionell. Geht das? Kann ich per Smartphone an der Ampel ausgebremst werden, weil die Software gehackt wird? 

Jungwirth: Die Autos fahren komplett unabhängig voneinander. Sie brauchen keine besondere Infrastruktur. Sie werden sich einreihen, und auch an der Ampel wird niemand per Handy ausgebremst. Kurzum: Wir sorgen dafür, dass Hacker die Funktionssicherheit der Fahrzeuge nicht beeinträchtigen können.

Das klingt spannend. Aber wie soll der Traditionskonzern Volkswagen mit seinen Strukturen die Wende schaffen? 

Jungwirth: Wir haben die Hardware in den letzten Jahrzehnten perfektioniert. Wir bieten hohe Qualität, mit Zuverlässigkeit in der Produktion und bei Material und Design. Diese Stärken über alle Marken dürfen wir nicht verlieren. Mit der gleichen Akribie und Liebe zu den Details müssen wir nun die Software und die Dienstleistungen angehen. Mit der richtigen Strategie, den Kompetenzen bei der Softwareentwicklung, der künstlichen Intelligenz, beim Umgang mit Daten. Wenn wir diese Themen mit dem gleichen Fokus angehen, werden wir zu den Gewinnern gehören. Passt die schnelllebige Software zur langfristigen Hardware-Planung bei VW? Jungwirth: Da habe ich keine Bedenken. Die schnelle Software- und die längerfristige Hardware-Entwicklungen lassen sich integrieren. Dabei hilft eine gemeinsame Plattform, so dass wir drahtlos Software-Updates aufspielen können. Wir sind über drei Future Center in Potsdam, Peking und im Silicon Valley vernetzt, um gemeinsam mit dem Design-Team die besten Kundenlösungen und das beste Benutzererlebnis zu kreieren. Zudem sind wir eng verzahnt mit den einzelnen Marken. Die digitale Transformation ist Teil der Strategie 2025 und hat sechs Bausteine.

Was ist das Besondere an der Strategie 2025? 

Aktualisiert: 17. Mai, 9.49 Uhr

Jungwirth: Sie stellt den Kunden und das digitale Kundenerlebnis in den Vordergrund. Dass Zweite ist die Digitalisierung der Produkte und Services. Drittens Smart Mobility, also unsere zukünftigenMobilitätsplattformen und – services. Dann der Themenkomplex Kundenbeziehung und Handel, das digitale Marketing, Online-Vertrieb und das entsprechende Ökosystem. Fünftes Thema ist Business 4.0, also die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, der Arbeitswelt, der Aus- und Weiterbildung. Und sechstens die Digitalisierung der Produktion mit Industrie 4.0.

Volkswagen hat sich lange Zeit sehr schwer getan mit dem E-Antrieb. Warum sollte dieser Wandel jetzt klappen? 

Jungwirth: Es liegt an vielen Faktoren – etwa am Management-Team und dem Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller. An der Strategie 2025 mit wegweisenden Entscheidungen, die wir im Sommer vorstellen. Die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen umgesetzt werden. Bis 2020 werden wir über 20 zusätzliche e-Fahrzeuge und Plugin-Hybride auf die Straße bringen. Dahinter steht ein entschiedener Wille und der Wunsch, die Krise als Chance zu nutzen.

Was kann „Volkswagen-alt“ in die Zukunft mitnehmen? 

Jungwirth: Wir können sehr viel aus den bereits vorhandenen Fahrzeugen und Baukästen nutzen. Die zwölf Marken sind ein sehr großer Wert. Die Hardware-Entwicklung haben wir perfektioniert und viele Stärken werden wir weiter nutzen und ausbauen. Es geht nicht darum, ein paar Prozent besser zu sein, sondern es geht um exponentielles Denken, um Lösungen die zehnmal besser als der Wettbewerb sind. Vielen von uns ist noch gar nicht bewusst, in welch historisch bedeutender Zeit wir leben. Denn nicht nur das Automobil steht durch die Elektrifizierung und die digitale Transformation vor seiner Neuerfindung, sondern die Mobilität an sich.

Fahren Sie selbst gern Auto oder lassen Sie sich fahren? 

Jungwirth: Tja, mein Alltagsauto ist ein e-Golf. Ich bin ein Freund der Elektromobilität. Emissionsfrei fahren und die Stille im Auto, das ist ein schönes Erlebnis. Für meine Frau und unsere drei Kinder gibt es einen Audi Q7. Als Fahrzeug für besondere Momente habe ich noch einen Porsche 911. Aber mein Traumwagen, darauf freue ich mich sehr, ist der Porsche Mission E – ein echter Porsche, viertürig und voll elektrisch.

Zur Person

Volkswagen will das Tempo bei digitalen Technologien mit einem deutschen Manager aus dem Silicon Valley beschleunigen. Der 43-jährige Johann Jungwirth wurde im November 2015 Chef der Digitalisierungsstrategie von Volkswagen. Seit 2014 arbeitete er für Apple, zuvor leitete er über fünf Jahre lang das US-Entwicklungszentrum von Mercedes-Benz.

Sein Wechsel von Daimler zu Apple wurde seinerzeit als Beleg für die Ambitionen des iPhone-Konzerns im Autobereich gesehen. Bei Mercedes hatte Jungwirth unter anderem an der Auto-Vernetzung und Technologien für selbstfahrende Fahrzeuge gearbeitet. Von 2008 bis 2014 war er als Vize-Präsident für den Bereich Infotainment, Telematik, für Forschung, Technik- und Produktentwicklung von Infotainment- und Connected Car-Lösungen.

Darüber, was genau er bei Apple machte, wurde nichts bekannt. Sein Titel war „Director für die Entwicklung von Mac-Computersystemen“. Laut VW war er an Spezialprojekten beteiligt. Apple entwickelt US-Medienberichten zufolge ein Elektroauto, das 2019 fertig sein solle.

Jungwirth wurde 1973 in Reußmarkt in Rumänien geboren. Er studierte Elektrotechnik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist er in Dillenburg. Noch heute leben seine Eltern, Verwandte und Freunde dort. Jungwirth ist verheiratet und hat drei Kinder.

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