Interview mit Politologe Hamed Abdel-Samad

Islamisten und Faschisten: „Sie teilen den Hass“

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Unser Archivbild von Mai 2012 zeigt islamische Fundamentalisten im nordrhein-westfälischen Solingen.

Kassel. Zu einem Tag gegen den Hass rufen die deutschen Islamverbände für Freitag, 19. September, auf. Zu spät, zu halbherzig, nicht glaubwürdig - das sagt der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad. Islam, Krieg und Terror - für Abdel-Samad gibt es hier einen engen Zusammenhang:

Seiner Ansicht nach ist der politische Islam genauso faschistisch wie es die Nazis waren. HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa sprach mit ihm.

Herr Abdel Samad, warum sagen Sie, dass der Islam dort, wo er politisch wird, faschistisch ist?

Adolf Hitler

Hamed Abdel Samad: Weil die Parallelen mit Händen zu greifen sind. Der politische Islam wie auch der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus sind auf den Trümmern des ersten Weltrkieges entstanden. Beide teilten das Gefühl der Erniedrigung. Aber auch den Traum von der Weltherrschaft.

Was haben Religion und Politik miteinander zu tun?

Benito Mussolini

Abdel Samad: In diesem Fall sehr viel. Der Faschismus hat alles, was zu einer Religion gehört: charismatische Führer und Propheten, absolute Wahrheiten. Der Faschismus gedeiht in vordemokratischen Gesellschaften, nicht in gereiften Demokratien. Und wo die Nazis von germanischen Sagas fabulierten, tun es die Islamisten mit altislamischen Mythen - beide fernab der historischen Wahrheit.

Und der Antisemitismus? 

Abdel Samad: Den teilen Faschismus und Islamismus, weil sie gleichartig sind. Beide teilen sie Hass und Ressentiments gegenüber dem Rest der Welt, sie entmenschlichen ihre Gegner, sprechen ihnen das Existenzrecht ab und nehmen ihre totale Vernichtung in Kauf, wenn sie die nicht sogar betreiben. In der Welt dieser Leute kämpft man nicht, um zu leben, sondern man lebt, um zu kämpfen.

Ist das nicht auch das Prinzip des Dschihad, des angeblich heiligen Krieges?

Abdel Samad: Genau. Deswegen brauchen Islamisten wie Nazis Märtyrer, deswegen verherrlichen beide den Tod, suchen stets nach äußeren und inneren Feinden. Bei den Islamisten sind das der Westen und Israel oder im Inneren die säkularen Kräfte. Bei den Nazis waren es Juden und Kommunisten und außen die demokratischen Alliierten.

Das würde ja heißen, dass sich im Nahen und Mittleren Osten, in Syrien, im Irak, mit so unterschiedlichen Akteuren wie dem Iran und Saudiarabien lauter Faschisten gegenseitig bekämpfen?

Hamed Abdel-Samad

Abdel Samad: Mit Blick auf das Faschistische sind die Unterschiede in der Tat minimal. Mich interessiert das Gemeinsame. Und das ist der politische Islam. Ob Islamischer Staat (IS), Boko Haram in Nigeria, Schabab in Somalia, Abu Sayyaf auf den Philippinen oder die Islamische Heilsfront in Algerien - trotz aller ethnischen Unterschiede teilen sie die Ideologie der Gewalt.

Blicken wir nach Deutschland: Hier haben die islamischen Verbände erstmals gemeinsam zu einem Tag gegen den Hass aufgerufen. Ist das nicht ein Gegenbeispiel zu ihrer Islam-Faschismus-These?

Abdel Samad: Wie lange haben denn die islamischen Verbände für diese Aktion gebraucht? Um in deutschen Fußgängerzonen gegen den Gazakrieg zu demonstrieren, brauchten sie drei, vier Tage. Ich frage Sie: Seit wann morden IS und Boko Haram?

In der öffentlichen Wahrnehmung mindestens seit einem halben Jahr, tatsächlich schon viel länger.

Zur Person

Dr. Hamed Abdel-Samad (42) wurde 1972 als Sohn eines Imams bei Kairo geboren. 1995 kam er nach Deutschland. Er studierte Englisch und Französisch in Kairo sowie Politik in Augsburg. Abdel-Samad forschte unter anderem am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität in München und arbeitet heute als freier Publizist. Der Autor, der zuletzt mit dem im April erschienenen Buch „Der islamische Faschismus“ auf sich aufmerksam machte, war in seiner Jugend selbst Muslimbruder. Er ist verheiratet und lebt in München.

Abdel Samad: Und jetzt erst finden deutsche Muslime den Weg auf die Straße? Und dann schaffen sie es noch nicht einmal, nur ihre Solidarität mit den Opfern der Islamisten in Syrien zu zeigen? Sondern sie stellen Brandanschläge auf Moscheen in Deutschland in eine Reihe mit den entsetzlichsten Morden und Vertreibungen im Irak? Das kostet sehr viel Glaubwürdigkeit. Es erinnert mich an einen antisemitischen Witz, den ich in Ägypten gehört habe.

Der wirklich ein Witz ist? 

Abdel Samad: Ich denke, er illustriert gut die Doppelzüngigkeit, die ich an der Art der islamischen Betroffenheit in Deutschland kritisiere.

Dann legen Sie mal los. 

Abdel Samad: Der alte Uhrmacher Cohen trauert um seinen verstorbenen Sohn. Eine Todesanzeige in der Zeitung ist ihm aber zu teuer. Gleichzeitig scheut er aber auch das Gerede der Nachbarn, wenn er seine Trauer nicht öffentlich unter Beweis stellt. Am Ende schaltet er doch eine Anzeige.

Und was schreibt er? 

Abdel Samad: „Cohen trauert um seinen Sohn und repariert Uhren.“ Das ist genau die Heuchelei, wie sie die Islam-Verbände betreiben. Keine Trauer, ohne dass dabei was für sie herausspringt. Als der dänische Zeichner Kurt Westergard den Propheten Mohammed mit einer Bombe im Turban zeichnete, war der Protest weltweit groß. Es gab sogar Tote. Nun morden die IS-Terroristen unter einer Flagge, auf dem der Name Mohammed und das islamische Glaubensbekenntnis draufstehen. Und dadurch fühlen sich Muslime nicht weltweit verunglimpft und beleidigt? Warum nicht? Oder fühlen sie sich sowieso nur durch den Westen beleidigt?

Was meinen Sie? 

Abdel Samad: Ich meine, dass es den Islamverbänden in Wirklichkeit nicht um die Gewalt und ihre Opfer geht. Sondern nur um die Täter. Sind es die falschen, gibt es ein Problem. Sind es die richtigen, gibt es kein Problem. Wenn man sieht, wieviele Deutsche schon bei den Islamisten mitkämpfen, sieht man, welche Dimension das Problem auch hierzulande schon hat. Einige von denen sind schon zurückgekehrt und leben jetzt unter uns. Damit wollen die Islamverbände natürlich nichts zu tun haben. Haben sie aber doch, weil sie ein sehr konservatives Islambild verbreiten. Auf diesem Boden gedeiht die islamische Gewaltideologie. Sie wird auch in deutschen Moscheen unterrichtet.

Was empfehlen Sie?

Abdel Samad: Den deutschen Intellektuellen empfehle ich, den Islam genauso fundamental zu kritisieren, wie sie sich seit Jahrhunderten am Christentum abarbeiten. Bildungspolitikern empfehle ich, den konservativen Islamverbänden die Deutungshoheit über den Islamunterricht zu entziehen, weil sich sonst nichts ändern wird. Auch weil die Verbände teilweise von Geldgebern aus dem Ausland gelenkt werden. Was der authentische Islam ist, das sehen wir gerade im Irak und in Syrien.

Sie sehen also wesentliche Teile des Islams an sich im Widerspruch zum deutschen Grundgesetz? 

Abdel Samad: Ganz genau. Die Religionsfreiheit steht im Grundgesetz wohlweislich erst nach und unter der Menschenwürde und nach der Freiheit der Person. Die Gewaltanteile im Islam, das Faschistoide darin, gehören strikt verboten. Es kann nicht im Sinn der Religionsfreiheit sein, wenn Salafisten auf der Straße gegen die Demokratie hetzen und für die Errichtung eines Gottesstaates, für Körperstrafen und Scharia.

Was empfehlen Sie der deutschen Politik? 

Abdel Samad: Sie sollte dafür sorgen, dass alle Syrien- und Irak-Rückkehrer sofort an der Grenze festgenommen werden können und man ihnen den Prozess macht. Müssen wir warten, bis sie auch hier tun, was sie dort gelernt haben? Alle salafistischen Vereinigungen müssen verboten werden, um den Zugang junger Muslime zu ihnen zu erschweren. Jeder muss von vornherein wissen, dass er zu Kriminellen geht, wenn er zu denen geht.

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