Interview

25 Jahre deutsch-polnische Nachbarschaft: „Es weht ein kalter Wind“

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Deutsche Flagge vor einem Wahrzeichen Warschaus: Fußballfans während der EM 2012 vor dem Kulturpalast in Polens Hauptstadt.

Vor 25 Jahren wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Statt Jubelstimmung prägt derzeit allerdings Ernüchterung die Stimmung. Woran das liegt, erläutert Gabriele Schöler von der Bertelsmann-Stiftung.

Sie haben an einer neuen Studie zum Stand des deutsch-polnischen Verhältnisses mitgewirkt. Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht? 

Gabriele Schöler: Dass das Verhältnis auf deutscher Seite so deutlich abgekühlt ist. Eine klare Mehrheit der Deutschen sagt, die Beziehungen sind im Moment schlecht. Die nächste Überraschung war, dass Deutsche und Polen relativ weit auseinander liegen in ihrer Beurteilung, wie sehr die Flüchtlingskrise das Verhältnis belastet.

Das verwundert nicht, die Polen haben ja auch keine Flüchtlinge aufgenommen. 

Schöler: Das ist aber nur ein Punkt. Wenn in Polen über die Flüchtlinge berichtet wird, vor allem über die in Deutschland, liegt der Schwerpunkt darauf, dass die sonst so perfekt organisierten Deutschen das nicht in den Griff kriegen. Das vermeintliche Chaos trägt zur ablehnenden Haltung Polens in der Flüchtlingsfrage bei.

Die Deutschen beurteilen die neue Regierung Polens als abträglich für die Beziehungen beider Länder. Woran liegt das?

Schöler: In der deutschen Berichterstattung, und zwar so ziemlich in allen Medien, ist stark betont worden, dass wir es bei der PiS-Partei mit einer antieuropäischen Partei zu tun haben. Es hat auf polnischer Seite eine sehr starke antieuropäische und auch antideutsche Rhetorik gegeben. Da spielen Symbole eine Rolle, zum Beispiel, dass die polnische Regierungschefin Beata Szydlo bei ihrer ersten Pressekonferenz die Europa-Fahne hat abnehmen lassen. Und dann hat die PiS-Regierung sehr schnell Reformen durchgeführt, die man nicht nur in Deutschland, sondern in Europa als antidemokratisch wahrgenommen hat.

Es hat sehr viele Anstrengungen gekostet, das deutsch-polnische Verhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg und dann nach 1989 zu normalisieren. Muss man befürchten, dass die jahrzehntelangen Bemühungen durch ein halbes Jahr Flüchtlingskrise und PiS-Regierung kaputt gemacht werden? 

Schöler: Ich hoffe nein. Um im Barometer-Bild zu bleiben: Die Zeichen stehen nicht auf Sturm, aber es ist ein kalter Wind, der da durch Deutschland und durch Polen weht. Es gibt aber auch Positives. Man sieht in anderen Ergebnissen, dass 25 Jahre harte Arbeit ihren Niederschlag finden. Vor allem das Image der Polen in Deutschland hat sich massiv verbessert.

Woran machen Sie das fest? 

Schöler: Wir fragen seit Jahren nach Assoziationen, die man zu dem Nachbarland hat. In der aktuellen Umfrage wird von den Deutschen zum ersten Mal überhaupt nicht die berühmte „polnische Wirtschaft“ zitiert. Mit diesem Schimpfwort haben die Deutschen jahrhundertelang über die angebliche Unfähigkeit der Polen zu Ordnung und Effizienz gespottet. Das ist ein großer Erfolg, den die Polen da verzeichnen - die Zeit des ausschließlichen Negativ-Images ist vorbei.

Abgesehen davon: Welches Vorurteil verstellt am meisten den Blick? 

Schöler: Kriminalität, vor allem Auto- und Fahrradklau im grenznahen Gebiet, das verbinden viele mit Polen und da ist noch sehr viel zu tun. Umgekehrt haben die Deutschen aber von ihrem Sauberkeit-und-Ordnung-Image eingebüßt. Für die Polen war Deutschland lange Zeit das Land der Perfektion und des Wohlstands - das hat sich geändert. Das liegt nicht nur an der Flüchtlingskrise, sondern auch an Projekten wie dem Berliner Flughafen. Außerdem machen vor allem Polen, die zur Arbeit nach Deutschland kommen, häufig Erfahrung mit Schwarzarbeit. Darunter hat auch das Renommee der deutschen Wirtschaft gelitten.

Welche polnischen Befindlichkeiten müssten die Deutschen stärker berücksichtigen? 

Schöler: Das Verhältnis Polens zu Russland, und da spielt die Ukraine-Krise eine große Rolle. Deutschland hat die Angst der Polen vor Aggressionen aus Russland unterschätzt. Polen trägt es nach, dass es nicht in die Friedensbemühungen für die Ukraine eingebunden worden ist, dabei hat das Land nicht nur Brücken-, sondern durchaus auch Vorbildfunktion in Sachen Transformation und ist direkter Nachbar. In der Flüchtlingskrise darf man nicht unterschätzen, dass wir in Deutschland und Frankreich seit langem mit Migranten aus der Türkei und Nordafrika leben. Diese Erfahrungen haben die Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken nicht. Da gibt es Ängste, Fremdes aufnehmen zu müssen und von der Fluchtkrise überfordert zu werden. Nichtsdestotrotz hätte der Dialog natürlich anders laufen können.

Zur Person

Gabriele Schöler (49) ist Koordinatorin und Projektmanagerin bei der Bertelsmann-Stiftung (Gütersloh). Sie wirkt mit am regelmäßig erscheinenden deutsch-polnischen Barometer. Die Studie wird erstellt von Bertelsmann-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Warschauer Institut für öffentliche Angelegenheiten. Schöler hat Anglistik, Slawistik und BWL in Bonn und London studiert. Sie ist verheiratet, hat ein Kind und lebt in Gevelsberg (NRW).

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar "Aller Mühen wert".

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