Folgen noch heute bemerkbar

30 Jahre Tschernobyl: Leben am Rand der Todeszone

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Karges Leben in der Sperrzone: Nach der Katastrophe im Kernkraftwerk wurde in einem Radius 30 Kilometer um Tschernobyl ein Sperrgebiet eingerichtet. Nur ältere Leute, die sich partout nicht umsiedeln lassen wollten, durften bleiben – im Bild aus dem Jahr 1996 die damals 65-jährige Aljona Nikitowa. Das kleine Bild zeigt Reparaturarbeiten am havarierten KKW.

Nach dem Super-Gau von Tschernobyl - heute vor 30 Jahren - zog eine radioaktive Wolke über Europa, tagelang wurden radioaktive Teilchen in die Luft gewirbelt. Der Störfall in der Ukraine veränderte die Welt.

Zehntausende Menschen mussten die Region verlassen. Noch heute sind die Folgen der Katastrophe auch in den Nachbarorten zu spüren, dennoch siedelt sich Industrie an. 

Düster ragt das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl rund 75 Meter hoch in den Himmel der Ukraine. Frisch getünchte Bordsteine und das frühlingshafte Grün der Bäume und Gräser täuschen. Im Innern der Anlage lodert seit der Katastrophe vom 26. April 1986 ein ewiges Höllenfeuer: Etwa 200 Tonnen Uran sind dort, ein Betonmantel schützt die Umgebung vor Strahlen.

Für Verwaltungschef Witali Petruk hat sich die Sicherheitslage insgesamt verbessert. Er verweist auf einen neuen Schutzmantel, einen riesigen Stahlbogen, der derzeit im Bau ist. Die halbrunde Konstruktion soll 2017 über den Reaktor geschoben werden. Mit 100 Metern Höhe hätte die Pariser Kathedrale Notre Dame darunter Platz. Der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak unternahm vor wenigen Tagen seine erste Amtsreise zu dem Schicksalsort. Er inspizierte den Bau der neuen Hülle, die für die nächsten 100 Jahre die Ruine vor dem Eindringen von Wasser und dem Entweichen von Staub schützen soll. 40 Staaten beteiligen sich an den mehr als zwei Milliarden Euro Kosten für den neuen „Sarkophag“. 1400 Menschen arbeiten daran.

Die Strahlenwelle aus nur 50 Kilometer Entfernung traf auch die nordukrainische Stadt Iwankiw. Die Stadt ist ein Beispiel von vielen für den Umgang mit dem GAU 30 Jahre später. Heute prägen Holztransporte das Bild in Iwankiw. Doch sind die Stämme strahlungsfrei? Umweltschützer bezweifeln dies. Das Holz sei weiter radioaktiv belastet, mahnen sie. Und sie kritisieren ein nahes, mit Mitteln der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gebautes Biomassekraftwerk: Dort werde verstrahltes Holz verbrannt. Der Landtagsabgeordnete Sergej Grischtschenko ist entsetzt: „30 Jahre nach Tschernobyl kommt es nicht einmal Idioten in den Sinn, täglich im industriellen Stil bis zu 600 Tonnen radioaktives Holz zu verbrennen“, sagt er. Dennoch habe die EBRD die Anlage mit Millionen gefördert.

Grischtschenkos Kritik hat eine Vorgeschichte: Einst betrieb der unabhängige Stadtratsabgeordnete Oleg Denissenko in seinem Heimatort Iwankiw eine Produktionsanlage für Holzpellets. Doch der Traum vom Export nach Polen platzte: Bei Tests schlugen die Geigerzähler Alarm. „Bis zu 20.000 Becquerel pro Kilogramm wurden gemessen“, sagt Denissenko. 3700 Becquerel lässt die EU zu. Denissenko verkaufte die Anlage - und wunderte sich, als 2012 Pläne für ein Wärmekraftwerk für Holzabfälle bekannt wurden.

Der Unternehmer Alexej Butenko versteht die ganze Aufregung nicht. Der Betreiber der kritisierten Anlage sieht sich als Vorkämpfer für den Umweltschutz und für die Energieunabhängigkeit von Russland.

Die Pläne der ukrainischen Regierung für die Region Iwankiw gehen weit über das Kraftwerk hinaus. Der Gebietsrat hat ein Grundstück für eine Müllverbrennungsanlage zugewiesen. In knapp 40 Kilometer Entfernung liegt der Grundstein für ein Zwischenlager für atomaren Müll aller ukrainischen Kernkraftwerke. Umweltschützer sammeln Unterschriften dagegen, An dessen Erfolg gibt es Zweifel.

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