Freizeitritter mit lädiertem Auge verlangte 40 000 Euro

Kein Schmerzensgeld nach Keilerei bei Ritterspielen

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Auf sie mit Gebrüll: Ritter-Rollenspiel – hier bei Brokeloh (Kreis Nienburg). 2013 versammelten sich dort 8000 Menschen zum „ConQuest of Mythodea“.

Osnabrück. Wer in seiner Freizeit mittelalterliche Ritter-Keilereien nachspielt, der muss mit Blessuren rechnen. Das hat ein Gericht nun entschieden.

Das gilt auch dann, wenn beide Seiten nur mit Schaumstoffwaffen aufeinander eindreschen. Mit diesem Tenor bestätigte das Oberlandesgericht (OLG) Oldenburg jetzt eine Entscheidung des Landgerichts Osnabrück, das die Schadenersatz-Klage eines Ritterzeit-Fans abgewiesen hatte.

Beim Live-Rollenspiel auf einem Ferienhof im niedersächsischen Gehrde hatte den klagenden Freizeit-Ritter 2013 die Schaumgummikeule seines 15-jährigen Gegenübers hart am Kopf getroffen. So hart, dass dem Opfer, im richtigen Leben Lokführer aus Emden, erst schwarz vor Augen und später flimmerig wurde. Der Arzt diagnostizierte links eine auf die Hälfte geschrumpfte Sehkraft. Doppelt fatal: Vor dem Landgericht wies der Kläger laut Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) Ende 2015 darauf hin, dass er mit einem so lädierten Auge möglicherweise für immer keine Loks mehr fahren dürfe.

40 000 Euro Schmerzensgeld? Nein, meinten auch die OLG-Richter. Vorsatz oder gar ein gezielter Keulenschlag aufs Auge seien dem Beklagten nicht nachzuweisen. Und ein fahrlässiger Kopftreffer begründe keinen Schadenersatzanspruch. Nach den Feststellungen der Vorinstanz kam hinzu, dass sich der Beklagte als böser Räuber in der aus dem Ruder gelaufenen Szene allein gegen zwei gute Ritter verteidigen musste. Dem Kläger sei zudem mit dem Einstieg ins Hobby-Handgemenge klar gewesen, „dass es bei solchen Kämpfen hin und wieder auch zu Kopftreffern kommen kann“. Sie und die möglichen Folgen habe er stillschweigend in Kauf genommen.

Der Osnabrücker OLG-Zivilsenat zitierte höchstrichterliche Rechtsprechung: „Grundsätze zur Verschuldenshaftung bei Kampfsportarten, wie etwa Fußball, können danach auf das in Frage stehende Live-Rollenspiel übertragen werden.“ Als vergleichbar riskant gilt unter Juristen auch Gotcha, bei dem mit Farbkugeln geschossen wird.

Hier wie dort gebe es ein Regelwerk, so das OLG. Gegnerische Teams kämpften aber auf dem grünen Rasen oder dem Ritterturnier-Platz so gegen einander, dass „auch bei regelgerechtem Verhalten die Gefahr von Verletzungen“ nicht auszuschließen sei. Eine Haftung komme aber „nur bei vorsätzlichen oder grob fahrlässigen Verstößen gegen die Spielvorgaben in Betracht“. Das Urteil des Landgerichts vom Januar ist damit rechtskräftig (3 U 20/16).

Hintergrund: Westernheld oder Horrofigur 

• Live-Rollenspiele gibt es in den Genres Ritter, Fantasy, Vampire, Western, Science Fiction, Horror und mehr.

• Erste Treffen, sogenannte Cons, in Deutschland liegen mehr als 20 Jahre zurück. Inzwischen sollen es mehr als 600 jährlich sein.

• Gespielt wird nach Regelbüchern. Schläge auf den Kopf, in die Kniekehlen und auf den Hals sind üblicherweise verboten.

• Mehr Infos: www.larpwiki.de

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