Erziehung zur Demokratie: Innenminister schickt Verfassungsschutz in Schulen

Kindgerecht gegen Extremismus

Vorlage für Rollenspiele: Schüler ab der 10. Klasse proben bei dem Vorbeugeprojekt Rollenspiele, die reale Ereignisse wie etwa der Aufmarsch von Neonazis kürzlich in Bad Nenndorf und Gegendemonstrationen (Foto) zum Vorbild haben. Moderiert werden die Spiele von Experten. Foto:  dpa

Hannover. Der Dachs ist empört. „Anderer Leute Briefe lesen?“ Nicht mit ihm. Den Raben dagegen „juckt’s schon mal in den Krallen“. Es geht ums Postgeheimnis; die Bildergeschichte stammt aus einer Grundrechte-Fibel des Verfassungsschutzes. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) will die amtlichen Schlapphüte jetzt verstärkt in die Schulen schicken.

Losgehen soll es in der 4. Klasse. „Damit wollen wir frühzeitig einen Beitrag zur Demokratieerziehung leisten“, sagte der Minister gestern in Hannover. „Schon im Grundschulalter können und sollen sich die Kinder mit den Grund- und Menschenrechten auseinander setzen.“ Die Fibel hätten die Kollegen in Baden-Württemberg verfasst; sie habe sich pädagogisch bewährt.

Andi in Turnschuhen

Aus Nordrhein-Westfalen übernimmt der Verfassungsschutz die „Andi“-Comics. Zielgruppe der Geschichten sind Teenager. In drei Bänden setzt sich Andi - in Schlabberhose und Turnschuhen - mal gegen Linke, mal gegen Neonazis, mal gegen Islamisten ein. In jugendgerechter Sprache Begriffe und Symbole erläutert sowie politische Hintergründe aufgezeigt.

Die Materialien sind nicht als bloße Lektüre gedacht. „Die Lehrer sollen das aktiv begleiten“, sagte Schünemann. Und wenn nötig, könnten die Lehrkräfte auch gern zur Unterstützung Beamte des Verfassungsschutzes für den Unterricht anfordern.

Beim für Schulen eigentlich zuständigen Kultusministerium löste der Verstoß zumindest Verwunderung aus; Ressortchef Bernd Althusmann (CDU) war offensichtlich darüber nicht informiert. Der Koalitionspartner FDP - sonst eher Schünemann-kritisch eingestellt - hat dagegen keine Probleme damit, Verfassungsschutz-Programme in den Schulen einzusetzen. „Die Comics sind gut“, meinte der liberale Innenexperte Jan-Christoph Oetjen. Wenn man sie pädagogisch einbinde, sei dies eine sinnvolle Sache.

Zu den neuen Präventionsprojekten zählen für Schüler ab der 10. Klasse Planspiele, in denen konkrete Ereignisse simuliert werden - etwa der von Rechtsextremen geplante „Trauermarsch“ durch Bad Nenndorf. Die Jugendlichen schlüpfen in die Rollen von Neonazis, Polizisten, Gegendemonstranten und Journalisten. „Nur wer die Strategien und Argumente der Extremisten kennt, kann sich mit ihnen auch auseinandersetzen“, erklärte Schünemann. Allerdings könne man dabei in schwierige Situationen geraten, deshalb sei die Moderation durch einen erfahrenen Experten unabdingbar.

Der Minister wies Bedenken zurück, der Verfassungsschutz als Geheimdienst könne gar keine politische Bildung übernehmen. Gerade beim Extremismus verfüge keiner über mehr Erfahrung; diese müsse man nutzen. „Der Verfassungsschutz ist parteipolitisch neutral. Er darf auf keinem Auge blind sein.“

Von Peter Mlodoch

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