Wie ich es sehe: Kolumne von Dr. Dirk Ippen über Maßlosigkeit von Vorständen

Fehlt Funktionären der Anstand? Verleger Dr. Dirk Ippen arbeitet diese Frage am Beispiel von Martin Winterkorn auf. Was halten Sie von dem Thema?

Ein Leser schreibt mir, dass er in der Münchener Allianz Arena regelmäßig Martin Winterkorn sieht. „Als er noch im Amt war, habe ich mir häufig gedacht, woher nimmt dieser Mann die Zeit, so viel im Stadion zu sein, statt sich um die Probleme seines Konzerns zu kümmern. Wenn ich ihn jetzt dort sitzen sehe, spüre ich durchaus Aggressionen angesichts dieser Arroganz, die die Herrschaftsriege von VW, verkörpert durch Herrn Winterkorn, ausstrahlt.“

Das hat ich mich an das Firmenjubiläum des VW-Zulieferers Webasto vor einigen Jahren erinnert, wo ich zu Gast sein durfte. Alle warteten dort ehrfürchtig auf den Ehrengast und Festredner Winterkorn. Der blieb lange aus, wegen einer Sitzung, die er in seiner Eigenschaft als Fußballfunktionär wahrgenommen hatte. Bescheiden wurde von den Gastgebern volles Verständnis signalisiert. Natürlich habe eine so herausragende Persönlichkeit wie Herr Winterkorn Rücksicht auf König Fußball zu nehmen. Offenbar war ich der Einzige der es unerhört fand, wegen der schönen Nebensache Fußball die Gäste dieses festlichen Jubiläums einfach sitzen zu lassen.

Damals war die VW-Welt noch heil, aber inzwischen wissen wir, dass mit der unseligen Dieselaffäre die Vorstände von VW den Konzern an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Wir wissen aber auch, dass diese Vorstände nicht einmal auf ihre Erfolgsprämien verzichten wollen. Mit € 7,3 Millionen Jahreseinkommen für 2015 und dazu knapp € 30 Millionen Altersversorgung ist Herr Winterkorn trotz seines Rücktritts als Vorstand nach wie vor einer der höchstbezahlten Manager Deutschlands.

Juristisch sei das alles in Ordnung, heißt es. Ein großer Vorstand darf, wenn er sein Vorstandsamt hinwirft, an seinem Arbeitsvertrag festhalten und sich Geld für Nichtarbeit zahlen lassen. Anscheinend regt sich niemand mehr darüber auf, dass fehlender Anstand unserer Funktionäre zu solcher Maßlosigkeit führt. Einzig Finanzminister Schäuble hat es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Punkt gebracht: „Ich habe kein Verständnis dafür, wenn man ein großes DAX-Unternehmen erst in eine existenzbedrohende Krise führt und dann (…) die eigenen Boni verteidigt.“

Kein Lohn ohne Leistung, kein Risiko ohne Haftung - das ist soziale Marktwirtschaft. Um gerecht zu bleiben, ist zu sagen, dass es viele Tausende Vorstände, Geschäftsführer und beauftragte Unternehmer in diesem Lande gibt, die gewissenhaft und engagiert ihren nicht immer einfachen Aufgaben nachgehen. Für sie alle ist es selbstverständlich, dass vor dem Verdienen das Dienen zu stehen hat.

Schlimm, dass das Verhalten einiger Großvorstände, für die der VW-Chef ja nur ein Beispiel ist, das Ansehen des ganzen Systems infrage stellt. Und bezeichnend ist, dass es sich ja gerade bei VW nicht um ein voll privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen handelt, weil dort das unglückliche VW-Gesetz dem Land Niedersachsen übermäßig viel Einfluss gewährt.

Das Motto der Welfen-Fürsten, die früher große Teile des heutigen Niedersachsens und ebenso Englands beherrscht haben, lautet: „Im Dienen verzehre ich mich“ - in Wolfsburg ist daraus „Verdienen und Verzehren“ geworden.

Liebe Leser, wie bewerten Sie das Thema? Schreiben Sie Ihre Meinung als Kommentar unter diesen Artikel oder schicken Sie eine Mail an nachrichten@hna.de.

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.