Kommentar zur Axt-Attacke im Zug: Die Filialen des Terrors

Perfider als der IS kann man Angst und Schrecken nicht verbreiten. Die Terrormiliz macht sich religiösen Extremismus labiler Jugendlicher zunutze, kommentiert Jörg Stephan Carl.

Mit der Axt Menschen im Zug den Schädel einschlagen – je abscheulicher, je unvorstellbarer ein Terrorakt, desto mehr wünschen wir uns eine Erklärung, um das Geschehene begreifen zu können. Der junge Flüchtling lebte in einer Pflegefamilie, machte ein Praktikum, hatte Aussicht auf eine Lehrstelle. Das Erklärungsmuster, dass Perspektivlosigkeit der Nährboden für junge Terroristen sei, greift hier nicht.

Vielleicht gibt es einfach keine Erklärung, oder nur eine unzureichende. Vielleicht ist der hasserfüllte religiöse Extremismus inzwischen bei labilen und sich isoliert fühlenden Jugendlichen Bestandteil einer Entwicklungsphase. Die „IS-Phase“ als Enwicklungsstadium in der Adoleszenz, wenn vorliegende Charaktereigenschaften und womöglich in der Einsamkeit geborene Emotionen für die Dschihad-Popkultur im Internet besonders empfänglich machen.

Dann hängt die IS-Fahne im Jugendzimmer, dann verlässt ein Afghane die Pflegefamilie und besteigt mit Axt und Messer den Regionalzug, oder ein konvertierter Deutscher zieht in den Heiligen Krieg nach Syrien.

Solches Verhalten ist ein Geschenk für die IS-Führung. Sie kann inzwischen jeden Einzeltäter für sich verbuchen. Es ist, als würde ein weltweit agierender Terrorkonzern immer neue Filialen eröffnen, ohne den Lizenznehmer zu kennen. Hauptsache er macht blutigen Umsatz.

So ist ein sich selbst ernährendes System entstanden. Die Einzeltäter berufen sich auf den IS, obwohl sie die Mörder-Organisation nur aus dem Internet kennen. Und die IS-Propaganda kann behaupten, jede einzelne Tat geplant und durchgeführt zu haben. Perfider und wirkungsvoller lässt sich Angst und Schrecken nicht verbreiten.

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