Kommentar zum Detmolder Auschwitz-Urteil: Die Schuld des Mittäters

Beihilfe zum Mord verjährt nicht. Erneut ist deshalb ein früherer Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz nach 70 Jahren zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Ein Kommentar von Tibor Pézsa.

Über siebzig Jahre sind vergangen seit dem Vergasen, Erschießen, Verbrennen und dem Vernichten durch Hunger, Frost, Krankheit und Arbeit von bis zu eineinhalb Millionen Frauen, Kindern, Alten, Kriegsgefangenen und anderen allein in und um Auschwitz.

Mord verjährt nicht, also auch nicht die Mittäterschaft daran. Selbst dann nicht, wenn wie im Fall des 94-jährigen Ex-SS-Mannes Hanning Jahrzente vergingen, bevor die Justiz auch noch auf seine Sache kam. Vor allem Hannings einzige Einlassung zur Sache irritiert: Er bereue, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, die für Tod, Elend und Qualen so vieler verantwortlich sei. Keine individuelle Schuld also.

Was hätte der greise Mann denn sonst sagen sollen, mag man einwenden, ist denn das kein Schuldbekenntnis, ist zu Auschwitz nicht ohnehin alles gesagt? Das mag sein. Aber es geht nicht darum, ob alles zu Auschwitz gesagt wurde, sondern ob es von allen gehört wurde. Hier hat Hanning den noch lebenden Auschwitzopfern wie auch uns Nachlebenden seinen nur ihm selbst möglichen Beitrag zum Geheimnis der Erlösung verweigert: Erinnerung. Darin liegt seine individuelle Schuld, mindestens.

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