Kommentar zur dramatischen Lage in der Türkei: Scheinriese Erdogan

Der türkische Staatschef Erdogan hat sein Land mit einer naiven und verhängnisvollen Politik in eine gefährliche Lage gebracht. Ein Kommentar von Jörg S. Carl.

Der Anschlag auf den Istanbuler Flughafen trifft die Türkei ins Herz. Der Airport ist das Symbol für Weltoffenheit, Wirtschaftskraft und Wohlstand. Das Bemühen der Regierung, der Bevölkerung und jenen Touristen, die noch kommen wollen, Normalität vorzutäuschen, ist deshalb verständlich. Es gilt, politisch instabile Verhältnisse zu vermeiden und den ökonomischen Schaden zu begrenzen.

Die Regierung unter Staatschef Erdogan sollte sich aber vor allem fragen, warum der entsetzliche Terror derart eskaliert. Zwei Antworten darauf: Die türkische Führung hat das militärische Vorgehen gegen die Kurden auch aus innenpolitischem Kalkül forciert. Und sie hat das Treiben des IS im Nachbarland Syrien wohlwollend geduldet, weil sie die radikalen Islamisten für nützliche Instrumente gegen den syrischen Rivalen Assad und einen womöglich entstehenden Kurdenstaat gehalten hat. Nun bekommt Ankara - so zynisch es klingt - die Rechnung für diese naive, verhängnisvolle Politik.

Die Befriedung der kurdischen Ansprüche auf mehr Autonomie und am Ende einen eigenen Staat kann nur auf dem Verhandlungsweg erreicht werden. Erdogan sollte sich - trotz der schrecklichen, vermeintlich nach Vergeltung schreienden Terrorbilder - erinnern: Der Waffenruhestatus mit den Kurden zur Vorbereitung einer dauerhaften friedlichen Lösung war schon mal erreicht.

Und der IS? Hier braucht der oft so unerträglich großspurige Erdogan westliche, russische, arabische und - ja auch - kurdische Partner zum gemeinsamen Abwehrkampf. Sein Bemühen um Annäherung an Moskau und Jerusalem scheint von einem Restbestand an Realitätssinn zu zeugen. Erd*ogan sollte zugleich begreifen, dass Autokratie, Nationalismus und Islam-Chauvinismus keine klugen politischen Konzepte sind. Folgt er diesem isolationistischen Irrweg, wird er noch lange der Scheinriese vom Bosporus bleiben, der sein Land Gefahren aussetzt.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.