Kommentar zur Griechenkrise: Die Wahl läuft schon

Detlef Drewes.

Wenigstens dieses eine Mal hatte Athens Finanzminister Gianis Varoufakis Recht: Die Ereignisse werden die Eurogruppe verändern. Aber nicht so negativ, wie der einstige Wirtschaftsprofessor dies meinte. Ein Kommentar von unserem Brüsseler Korrespondenten Detlef Drewes.

Selten zuvor waren sich die 18 übrigen Mitglieder der Währungsunion so einig. Demütigungen, Drohungen, Beschimpfungen - alles haben die Partner hingenommen, geschluckt und bis zuletzt an Vorschlägen gearbeitet, die sogar das chaotische Links-Rechts-Bündnis unter der Akropolis hätten stützen können. Nicht die Ankündigung des Referendums war der Affront - es spricht viel dafür, ein Volk über derart einschneidende Fragen der Politik mit demokratischen Mitteln zu beteiligen.

Aber selbst wenn man übersehen will, wie Tsipras die Regeln der Diplomatie mit Füßen getreten hat, als er seine Partner in Brüssel eben noch anlächelte, um sie dann nach der Landung zu Hause dermaßen zu brüskieren, bleibt das Referendum alles andere als demokratisch: Weil es keine verabschiedete Liste von Reformvorschlägen gibt, über die man abstimmen könnte. Die Abstimmung der Bürger hat längst begonnen. Nicht an den Urnen, sondern an den Geldautomaten.

Die Währungsunion hat sich an diesem Wochenende nicht von Athen abgewendet. Aber ist sehr wohl klar geworden, dass man mit einem Partner, der die politischen und vertraglichen Spielregeln ausschließlich zu seinen Gunsten auslegt, nicht verhandeln kann. So zogen die übrigen 18 die richtigen Konsequenzen, als sie die notwendigen Maßnahmen zum Selbstschutz aus der Schublade geholt hat.

Endlich - werden die Kritiker der bisherigen Euro-Rettungspolitik sagen, weil ihnen das griechische Beispiel fortan als Beleg für eine falsche Antwort der Euro-Zone auf die Krise dienen wird. Das ist ein Irrtum. Der Absturz Athens eignet sich nicht als Argument gegen die Politik, die Merkel zugeschrieben, aber von allen anderen Mitgliedern der Währungsunion gestützt wird.

Das Desaster zeigt im Gegenteil, was passiert, wenn eine Regierung die Wirklichkeit ausschließlich durch eine ideologische Brille sieht und dabei ihr Rendezvous mit der Realität verpasst. Wann wacht Griechenland auf und versteht, wer in dieser Eskalation welche Rolle spielt?

nachrichten@hna.de

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